Mein schöner, schlimmer Schulweg
Schulwege sind Wege ins Leben. Mal abenteuerlich, mal romantisch. Sechs Geschichten von Prominenten über den ersten Weg, der von zu Hause fortführt – hinein ins Leben .„Ich war der Klassenclown“
Uwe Lyko, Jahrgang 1954, Kabarettist und Komiker, Erfinder und Darsteller des Ruhrpott-Rentners Herbert Knebel. Wuchs in Duisburg und Moers auf, wohnt in Essen.
Ich bin zu Fuß zur Schule gegangen, zur Volksschule in Duisburg-Neumühl, zusammen mit vielen anderen Kindern aus unserer Siedlung. Der Schulweg kam mir unglaublich lang vor. Aber als ich ihn vor ein paar Jahren noch

„Ich war der Klassenclown“
Uwe Lyko, Jahrgang 1954,
Kabarettist und Komiker, Erfinder
und Darsteller des Ruhrpott-
Rentners Herbert Knebel.
Auf dem Rückweg haben wir schon mal ein bisschen herumgetrödelt und ein paar Minuten Fußball gespielt. Wir haben auch Fußballbilder gesammelt und getauscht. Und geschabbelt. Das heißt: Wir haben uns vor einer Wand aufgestellt, und jeder hat die Fußballbilder, die er doppelt hatte, vor die Wand geworfen. Der, dessen Fußballbild am nächsten an der Wand lag, durfte alle anderen behalten. Die höchste Kunstform war „Steher“. Also, das Fußballbild so zu schmeißen, dass es an der Wand stehenblieb. Da konnte man an einem guten Tag bis zu 200 Fußballbilder gewinnen – und an einem schlechten Tag genauso viele verlieren.
Da ich zwar gut im Schabbeln, aber ansonsten weder der Sportlichste noch der Hübscheste oder gar der Intelligenteste war, habe ich mich anderweitig in die Rangordnung meiner Mitschüler eingefügt: als Klassenclown. Ich konnte Leute schnell zum Lachen bringen. Ich habe früh ein Gespür dafür entwickelt, wann Menschen unfreiwillig komisch sind, und die habe ich dann nachgemacht. Mit sieben oder acht Jahren denkt man natürlich nicht: „Daraus machste mal irgendwann ein Bühnenprogramm.“ Ich konnte die Typen auch sprachlich schnell nachahmen, und relativ früh Dialekte sprechen, ohne dass ich das geübt hätte.
Später bin ich in Moers zur Hauptschule gegangen. Damals gingen aus jeder Grundschulklasse nur ein, zwei Kinder zum Gymnasium. Vielleicht wäre ich Schriftsteller geworden, wenn ich zur Höheren Schule gegangen wäre. Ich habe immer Große Lust gehabt zu schreiben – und auch die Fähigkeit dazu, aber das ist irgendwann etwas verloren gegangen. Ich schreibe zwar jetzt noch immer viele Knebel-Geschichten mit meinen beiden Co-Autoren, aber das ist natürlich eine andere Baustelle als Erzählungen zu schreiben, geschweige denn Romane.
Die erste Fahrt zum Internat war furchtbar
Mark Britton, Jahrgang 1958, Comedian, Regisseur, Buchautor und Autor für Bühne und Fernsehen. Wuchs in Deutschland und England auf, lebt in Köln.

"Die erste Fahrt zum Internat
war furchtbar: " Mark Britton,
Jahrgang 1958, Comedian,
Regisseur, Buchautor und Autor
für Bühne und Fernsehen.
Für mich gab es viele Schulwege, denn mein Vater war Psychologe bei der
britischen Armee und wurde oft versetzt. Immer wenn ich mich an eine
Schule gewöhnt hatte, kam ich an eine andere. Mein erster Schulweg
führte zu einer Grundschule des Militärs in Münster. Wir wurden mit
einem grünen Militärbus abgeholt. Das war für mich ein Zeichen, dass wir
anders waren und in einer Gesellschaft wohnten, zu der wir nicht
gehörten. Die Schule selbst war eine Kaserne. Man war völlig isoliert.
Nach einem Jahr zogen wir nach London. Dort war mein Weg zur Schule sehr
lang: eine Dreiviertelstunde zu Fuß! Auf diese Schule gingen viele
Arbeiterkinder. Zum ersten Mal sah ich Prügeleien auf dem Schulhof und
Kinder, denen andere den Kopf in die Toilette steckten. Das war Alltag
an dieser Schule. Angst hatte ich nicht, denn ich war sehr gut in Sport.
Das ist immer ein guter Schutz.
Als Kind musste ich mich verdammt schnell, verdammt gut an immer neue
Muster anpassen. Ich konnte mir immer sehr gut ausrechnen: Wer spielt
welche Rolle in einer Gruppe? Aha, er ist der Harte, der Prügler, er ist
der Schüchterne – ich selbst stand immer am Rand einer Clique, nie drin,
dafür war ich nie lang genug da. Wenn man oft umzieht, hat man keine
lebenslangen Freunde. Ich fühlte mich deshalb oft einsam. Dabei war ich
nie allein – so wie jemand, der auf dem Schulweg allein geht. Ich sah
total sozial integriert aus. Das vorzutäuschen war mein Talent.
Nach der Grundschule kam ich in ein Internat an der Südküste Englands.
Die erste Fahrt dorthin war so furchtbar, dass ich mich kaum daran
erinnere. Ich weiß nur noch, dass ich mich von meinen Eltern geliebt
fühlte. Doch dann kam der Moment, als sie wegfuhren. Mein Gott, da stand
ich mit meinem Zeug vor der Schule und sagte mir: „Oh, oh, oh, jetzt bin
ich ganz alleine.“ So schlimm war es bei späteren Fahrten zum Internat
zum Glück nicht mehr, auch wenn mir jedes Mal vor der Rückkehr in die
Schule graute. Dann aber saß ich mit meinem Vater im Auto. Er versuchte
mich zu trösten. In einem warmen Auto zu sitzen, das durch die dunkle
Nacht fährt – das hat irgendwie den Schlag, zurück zur Schule zu fahren,
weicher gemacht.
Nach vier Jahren im Internat besuchte ich ein College in Southampton. Es
war für mich das Jahr des Durcheinanders. Plötzlich hatte ich Kontakt zu
Mädels und Musik, hatte Sex, Drugs and Rock’n Roll. Der Schulweg führte
durch einen kleinen Stadtwald. Auf diesem Weg habe ich alles probiert:
Knutschen, Rauchen und anderes.
Aber einsame Wege haben mich mehr geprägt. Wir sind die meiste Zeit im
Leben mit anderen zusammen: zu Hause und in der Schule. Doch auf
einsamen Wegen kann man die Ruhe genießen – auch die innere Ruhe –,
nachdenken und ein bisschen Abstand von allem gewinnen. Das brauche ich,
um mich zu orientieren, Kraft zu tanken und mich zu erholen.
Bis heute bin ich als Künstler viel unterwegs. Aber mit meiner Familie
wohne ich seit 15 Jahren in Köln, länger als an allen anderen Orten, an
denen ich gelebt habe. Als mein Sohn noch zur Grundschule ging, habe ich
ihn manchmal abgeholt. Einmal stand er an einer Bushaltestelle,
angelehnt an eine Werbetafel und las die Reklame. Ich habe ihn
beobachtet, nur ganz kurz, aber es hat mich tief bewegt, denn in ihm
habe ich mich selbst wiedererkannt. Mein Weg ist sein Weg. Es gibt
keinen perfekten Weg zur Schule. Eine andere Schule bedeutet einen
anderen Weg. Aber einen besseren Weg? Das kann man nicht sagen. So ist
es auch mit dem Weg durchs Leben.
Mein Pony war spannender als Jungs
Steffi Neu, Jahrgang 1971, Journalistin und Radiomoderatorin bei WDR 2. Wuchs auf einem Bauernhof in Uedem im Kreis Kleve auf. Dort lebt sie heute immer noch.

„Mein Pony war spannender als
Jungs“. Steffi Neu, Jahrgang 1971,
Journalistin und Radiomoderatorin
bei WDR 2. Wuchs auf einem
Bauernhof in Uedem im Kreis Kleve
auf. Dort lebt sie heute immer noch.
Mit dem Bus bin ich damals zur Schule
gefahren. Den konnte ich morgens schon von der Küche aus durchs Fenster
sehen – um zehn nach sieben. Bis zur Haltestelle bin ich dann 500 Meter
marschiert. Meine Mutter stand immer in der Tür und hat so lange
geguckt, bis ich eingestiegen bin.
Im Bus hatte ich immer meinen Stammplatz – zusammen mit meinen
Freundinnen. Als diejenige, die zuerst einstieg, war ich dafür
zuständig, Plätze zu reservieren. Zwischen uns kam niemand. Wir fuhren
insgesamt acht Kilometer, von Kleve nach Kalkar, wo ich das Gymnasium
besuchte – direkt am Schnellen Brüter, dem Kernreaktor, der nie in
Betrieb genommen wurde.
Im Bus haben wir Zauberwürfel gedreht, Schulaufgaben gemacht – und über
Jungs gesprochen. Aber mein Pony fand ich eigentlich viel spannender als
Jungs. Gut, es gab einen im Bus, der hieß Martin, der hatte unglaublich
blaue Augen und saß vor mir auf der Viererbank. Er war sehr schüchtern
und im Rahmen meiner Möglichkeiten habe ich ihm Zeichen gegeben, aber
die waren eher plump – ich war ja erst 13 Jahre alt.
Manchmal bin ich auch mit dem Fahrrad zur Schule gefahren. Einmal fuhr
ich auf dem Rückweg zu einer Freundin, weil der Feldweg zu nass zum Rad
fahren war. Meinen Eltern habe ich nicht gesagt, dass ich länger
wegbleibe. Da gab es nachher Ärger. Seitdem weiß ich: Von der Schule
nach Hause kommen, keine Spiränzchen machen – die anderen machen sich
sonst Sorgen. Wir sind diese „Aktenzeichen XY“-Generation: Es kann ja
immer was passieren.
Ich lebe immer noch auf dem Hof, auf dem ich aufgewachsen bin. Damals
ging es mit dem Bus in die Schule, heute mit dem Auto nach Köln zur
Arbeit – und immer wieder zurück auf den Hof. Um eine Piazza herum
wohnen wir dort in drei Häusern: meine Eltern, die Familie meines
Bruders, ich mit meinem Ehemann und meinen zwei Kindern. Das ist
großartig – wie in Bullerbü.
Der Bus, in den ich früher stieg, hält mittlerweile direkt an der
Einfahrt. Wenn mein Sohn Fritz – er ist fünf – demnächst zur Schule
geht, stelle ich ihn nur vors Gartentor und der Bus nimmt ihn mit. So
wie ich mich kenne, werde ich ihn aber in der ersten Zeit mit dem Auto
hinfahren. Mein Mann sieht das anders. Mal sehen ...

