Fotos: Andre Zelck

Mein schöner, schlimmer Schulweg

Schulwege sind Wege ins Leben. Mal abenteuerlich, mal romantisch. Sechs Geschichten von Prominenten über den ersten Weg, der von zu Hause fortführt – hinein ins Leben .  

 „Ich war der Klassenclown“


Uwe Lyko, Jahrgang 1954, Kabarettist und Komiker, Erfinder und Darsteller des Ruhrpott-Rentners Herbert Knebel. Wuchs in Duisburg und Moers auf, wohnt in Essen.

Ich bin zu Fuß zur Schule gegangen, zur Volksschule in Duisburg-Neumühl, zusammen mit vielen anderen Kindern aus unserer Siedlung. Der Schulweg kam mir unglaublich lang vor. Aber als ich ihn vor ein paar Jahren noch
Foto: Andre Zelck
„Ich war der Klassenclown“
Uwe Lyko, Jahrgang 1954,
Kabarettist und Komiker, Erfinder
und Darsteller des Ruhrpott-
Rentners Herbert Knebel. 
einmal gegangen bin, war ich erstaunt, wie kurz er war. In fünf Minuten war ich da. Als Kind nimmt man die Welt anders wahr; es kommt einem alles größer vor.
Auf dem Rückweg haben wir schon mal ein bisschen herumgetrödelt und ein paar Minuten Fußball gespielt. Wir haben auch Fußballbilder gesammelt und getauscht. Und geschabbelt. Das heißt: Wir haben uns vor einer Wand aufgestellt, und jeder hat die Fußballbilder, die er doppelt hatte, vor die Wand geworfen. Der, dessen Fußballbild am nächsten an der Wand lag, durfte alle anderen behalten. Die höchste Kunstform war „Steher“. Also, das Fußballbild so zu schmeißen, dass es an der Wand stehenblieb. Da konnte man an einem guten Tag bis zu 200 Fußballbilder gewinnen – und an einem schlechten Tag genauso viele verlieren.
Da ich zwar gut im Schabbeln, aber ansonsten weder der Sportlichste noch der Hübscheste oder gar der Intelligenteste war, habe ich mich anderweitig in die Rangordnung meiner Mitschüler eingefügt: als Klassenclown. Ich konnte Leute schnell zum Lachen bringen. Ich habe früh ein Gespür dafür entwickelt, wann Menschen unfreiwillig komisch sind, und die habe ich dann nachgemacht. Mit sieben oder acht Jahren denkt man natürlich nicht: „Daraus machste mal irgendwann ein Bühnenprogramm.“ Ich konnte die Typen auch sprachlich schnell nachahmen, und relativ früh Dialekte sprechen, ohne dass ich das geübt hätte.
Später bin ich in Moers zur Hauptschule gegangen. Damals gingen aus jeder Grundschulklasse nur ein, zwei Kinder zum Gymnasium. Vielleicht wäre ich Schriftsteller geworden, wenn ich zur Höheren Schule gegangen wäre. Ich habe immer Große Lust gehabt zu schreiben – und auch die Fähigkeit dazu, aber das ist irgendwann etwas verloren gegangen. Ich schreibe zwar jetzt noch immer viele Knebel-Geschichten mit meinen beiden Co-Autoren, aber das ist natürlich eine andere Baustelle als Erzählungen zu schreiben, geschweige denn Romane.

 

Die erste Fahrt zum Internat war furchtbar


 Mark Britton, Jahrgang 1958, Comedian, Regisseur, Buchautor und Autor für Bühne und Fernsehen. Wuchs in Deutschland und England auf, lebt in Köln.

Für mich gab es viele Schulwege, denn mein Vater war Psychologe bei der britischen Armee und wurde oft versetzt. Immer wenn ich mich an eine Schule gewöhnt hatte, kam ich an eine andere. Mein erster Schulweg führte zu einer Grundschule des Militärs in Münster. Wir wurden mit einem grünen Militärbus abgeholt. Das war für mich ein Zeichen, dass wir anders waren und in einer Gesellschaft wohnten, zu der wir nicht gehörten. Die Schule selbst war eine Kaserne. Man war völlig isoliert.
Nach einem Jahr zogen wir nach London. Dort war mein Weg zur Schule sehr lang: eine Dreiviertelstunde zu Fuß! Auf diese Schule gingen viele Arbeiterkinder. Zum ersten Mal sah ich Prügeleien auf dem Schulhof und Kinder, denen andere den Kopf in die Toilette steckten. Das war Alltag an dieser Schule. Angst hatte ich nicht, denn ich war sehr gut in Sport. Das ist immer ein guter Schutz.
Als Kind musste ich mich verdammt schnell, verdammt gut an immer neue Muster anpassen. Ich konnte mir immer sehr gut ausrechnen: Wer spielt welche Rolle in einer Gruppe? Aha, er ist der Harte, der Prügler, er ist der Schüchterne – ich selbst stand immer am Rand einer Clique, nie drin, dafür war ich nie lang genug da. Wenn man oft umzieht, hat man keine lebenslangen Freunde. Ich fühlte mich deshalb oft einsam. Dabei war ich nie allein – so wie jemand, der auf dem Schulweg allein geht. Ich sah total sozial integriert aus. Das vorzutäuschen war mein Talent.
Nach der Grundschule kam ich in ein Internat an der Südküste Englands. Die erste Fahrt dorthin war so furchtbar, dass ich mich kaum daran erinnere. Ich weiß nur noch, dass ich mich von meinen Eltern geliebt fühlte. Doch dann kam der Moment, als sie wegfuhren. Mein Gott, da stand ich mit meinem Zeug vor der Schule und sagte mir: „Oh, oh, oh, jetzt bin ich ganz alleine.“ So schlimm war es bei späteren Fahrten zum Internat zum Glück nicht mehr, auch wenn mir jedes Mal vor der Rückkehr in die Schule graute. Dann aber saß ich mit meinem Vater im Auto. Er versuchte mich zu trösten. In einem warmen Auto zu sitzen, das durch die dunkle Nacht fährt – das hat irgendwie den Schlag, zurück zur Schule zu fahren, weicher gemacht.
Nach vier Jahren im Internat besuchte ich ein College in Southampton. Es war für mich das Jahr des Durcheinanders. Plötzlich hatte ich Kontakt zu Mädels und Musik, hatte Sex, Drugs and Rock’n Roll. Der Schulweg führte durch einen kleinen Stadtwald. Auf diesem Weg habe ich alles probiert: Knutschen, Rauchen und anderes.
Aber einsame Wege haben mich mehr geprägt. Wir sind die meiste Zeit im Leben mit anderen zusammen: zu Hause und in der Schule. Doch auf einsamen Wegen kann man die Ruhe genießen – auch die innere Ruhe –, nachdenken und ein bisschen Abstand von allem gewinnen. Das brauche ich, um mich zu orientieren, Kraft zu tanken und mich zu erholen.
Bis heute bin ich als Künstler viel unterwegs. Aber mit meiner Familie wohne ich seit 15 Jahren in Köln, länger als an allen anderen Orten, an denen ich gelebt habe. Als mein Sohn noch zur Grundschule ging, habe ich ihn manchmal abgeholt. Einmal stand er an einer Bushaltestelle, angelehnt an eine Werbetafel und las die Reklame. Ich habe ihn beobachtet, nur ganz kurz, aber es hat mich tief bewegt, denn in ihm habe ich mich selbst wiedererkannt. Mein Weg ist sein Weg. Es gibt keinen perfekten Weg zur Schule. Eine andere Schule bedeutet einen anderen Weg. Aber einen besseren Weg? Das kann man nicht sagen. So ist es auch mit dem Weg durchs Leben.

Mein Pony war spannender als Jungs


Steffi Neu, Jahrgang 1971, Journalistin und Radiomoderatorin bei WDR 2. Wuchs auf einem Bauernhof in Uedem im Kreis Kleve auf. Dort lebt sie heute immer noch.
Foto: Andre Zelck
„Mein Pony war spannender als
Jungs“. Steffi Neu, Jahrgang 1971,
Journalistin und Radiomoderatorin
bei WDR 2. Wuchs auf einem
Bauernhof in Uedem im Kreis Kleve
 auf. Dort lebt sie heute immer noch.

Mit dem Bus bin ich damals zur Schule gefahren. Den konnte ich morgens schon von der Küche aus durchs Fenster sehen – um zehn nach sieben. Bis zur Haltestelle bin ich dann 500 Meter marschiert. Meine Mutter stand immer in der Tür und hat so lange geguckt, bis ich eingestiegen bin.
Im Bus hatte ich immer meinen Stammplatz – zusammen mit meinen Freundinnen. Als diejenige, die zuerst einstieg, war ich dafür zuständig, Plätze zu reservieren. Zwischen uns kam niemand. Wir fuhren insgesamt acht Kilometer, von Kleve nach Kalkar, wo ich das Gymnasium besuchte – direkt am Schnellen Brüter, dem Kernreaktor, der nie in Betrieb genommen wurde.
Im Bus haben wir Zauberwürfel gedreht, Schulaufgaben gemacht – und über Jungs gesprochen. Aber mein Pony fand ich eigentlich viel spannender als Jungs. Gut, es gab einen im Bus, der hieß Martin, der hatte unglaublich blaue Augen und saß vor mir auf der Viererbank. Er war sehr schüchtern und im Rahmen meiner Möglichkeiten habe ich ihm Zeichen gegeben, aber die waren eher plump – ich war ja erst 13 Jahre alt.
Manchmal bin ich auch mit dem Fahrrad zur Schule gefahren. Einmal fuhr ich auf dem Rückweg zu einer Freundin, weil der Feldweg zu nass zum Rad fahren war. Meinen Eltern habe ich nicht gesagt, dass ich länger wegbleibe. Da gab es nachher Ärger. Seitdem weiß ich: Von der Schule nach Hause kommen, keine Spiränzchen machen – die anderen machen sich sonst Sorgen. Wir sind diese „Aktenzeichen XY“-Generation: Es kann ja immer was passieren.
Ich lebe immer noch auf dem Hof, auf dem ich aufgewachsen bin. Damals ging es mit dem Bus in die Schule, heute mit dem Auto nach Köln zur Arbeit – und immer wieder zurück auf den Hof. Um eine Piazza herum wohnen wir dort in drei Häusern: meine Eltern, die Familie meines Bruders, ich mit meinem Ehemann und meinen zwei Kindern. Das ist großartig – wie in Bullerbü.
Der Bus, in den ich früher stieg, hält mittlerweile direkt an der Einfahrt. Wenn mein Sohn Fritz – er ist fünf – demnächst zur Schule geht, stelle ich ihn nur vors Gartentor und der Bus nimmt ihn mit. So wie ich mich kenne, werde ich ihn aber in der ersten Zeit mit dem Auto hinfahren. Mein Mann sieht das anders. Mal sehen ...