Guerilla-Gardening in Köln-Kalk: Schon seit Jahren verschönern Anwohner öffentliche Beete in ihrem Stadtteil mit Blumen

Der Samenspender

Richard Reynolds pflanzt seine Blumen überall – wenn es sein muss, auch illegal. Der Londoner ist Guerilla-Gärtner
chrismon plus rheinland: Sie haben kürzlich Köln besucht. Eine schöne Stadt?
Richard Reynolds: An vielen Stellen fehlt das Grün. Das ist leider in den meisten europäischen Großstädten so. Ob London, Paris oder Köln. Mir kommt es vor, als kämpften Bäume und Asphaltierungen miteinander – und die Pflanzen verlieren. Sie sind eingepfercht zwischen Pflastersteinen. Hier und da werden Blumenkübel aufgestellt, die als Müllfläche dienen und von Unkraut überwuchert sind.
Sie pflegen in London sechs Gärten – an öffentlichen Plätzen und Verkehrsinseln. Wieso machen Sie das?
Ich bin 2004 in ein Appartement eines Hochhauses in Südlondon gezogen – eine trostlose Gegend, die ich verschönern wollte. Ich zog herum und ackerte, wo es mir gefiel. Die verwaisten Blumenbeete in der Nachbarschaft nahm ich zuerst in Angriff. Mir hat es richtig Spaß gemacht, an der frischen Luft zu sein, in der Erde zu buddeln, Beete anzulegen und zu sehen, wie alles wächst. Ich habe eine Internetseite gegründet und gemerkt, dass Menschen überall auf der Welt ähnlich dachten – und mitmachten.
Mittlerweile haben Sie ein Buch über die Bewegung geschrieben, die Sie „Guerilla Gardening“ nennen. Was haben Sie über Ihre Mitstreiter herausgefunden? Die Bewegung ist breit gefächert. Vielen Gärtnern geht es darum, ihre Stadt zu verschönern. Andere wollen provozieren.
Sie pflanzen Blumen in Mülleimer, auf Dächer oder historische Monumente. Sie wollen mit ihren Aktionen zum Nachdenken darüber anregen, wie öffentliche Räume genutzt und oft verschandelt werden. Zudem gibt es politische Aktivisten: Eine Gruppe in Brisbane hat vor dem australischen Parlament den Boden ausgehoben und Gemüse angepflanzt. Damit wollten sie gegen den Kohleabbau protestieren.
 Auch Sie verwenden in Ihrem Buch politisches Vokabular. An mehreren Stellen zitieren Sie Mao Tse-tung und Che Guevara.
Beide haben Bücher über Guerillastrategien geschrieben. Ihre Ambitionen unterscheiden sich natürlich von meinen: Als Revolutionäre wollten sie eine Regierung stürzen. Darum geht es mir nicht. Aber manche ihrer Ideen sind übertragbar: etwa, wie man fremdes Land mit Guerillamethoden vereinnahmt. Es hat mich selbst überrascht, wie relevant das für das Gärtnern ist. Mao und Che schreiben, dass man erst Herz und Verstand der Menschen gewinnen muss, bevor man erfolgreich sein und den Feind besiegen kann. Das gilt auch für Guerilla-Gärtner.
Wer ist denn Ihr Feind?
Das Land, um das sich niemand kümmert. Um es nutzbar zu machen, benutzen wir Methoden, die in einer demokratischen Gesellschaft nicht akzeptiert sind: Als Guerilla-Gärtner frage ich nicht um Erlaubnis bei der zuständigen Behörde, um Land zu kultivieren. Ich sage: Lasst uns gleich zur Tat schreiten, auch wenn das illegal ist.
Haben Sie Erfolg mit Ihrem Vorgehen?
Ja, auf jeden Fall. Drei Jahre lang habe ich mich mal ohne Genehmigung um eine Grünfläche in der Nähe meines Hauses gekümmert. Es gab einen sehr langen Briefwechsel zwischen mir und den Behörden, bis ich schließlich offiziell die Erlaubnis hatte, auch weiter dort zu gärtnern. Unter vorgehaltener Hand sagte man mir: Hätte ich anfangs um Erlaubnis gefragt, hätte ich sie niemals bekommen. Das hat mich darin bestärkt, dass mein Zugang richtig ist.
Haben Sie schon mal Ärger bekommen?
Einmal bekam ich von einem Dutzend Polizisten Besuch, als ich mit fünf anderen Guerilla-Gärtnern einen widerborstigen Randstreifen einer Straße beackerte. Wir jäteten Unkraut, gruben die Erde um und wollten gerade ein neues Beet mit Kugelprimeln und Polsterglockenblumen anlegen, da waren wir plötzlich umringt. Wir wurden aufgefordert, die Werkzeuge beiseitezulegen, kehrten aber später zurück und vollendeten unser Werk.
Gab es ein Nachspiel?
Nein, im Gegenteil. Neulich erkannten uns vorbeifahrende Polizisten. Sie haben uns zugewinkt – obwohl sie uns einige Wochen zuvor noch verhaften wollten. Offensichtlich ist es uns Guerilla-Gärtnern gelungen, ihre Meinung zu ändern – durch den Anblick von ein paar Blumen.
Ist das Ihre Strategie – die Gegner zu umarmen?
Es soll friedlich zugehen. Ich will ja keine Kämpfe zwischen Menschen. Es geht um Blumen. Die mag jeder, die sieht jeder gerne an, und da kann man auch schon mal Fakten schaffen, bevor die Behörden zustimmen.
Motiviert das Abenteuerliche und Illegale gerade junge Menschen, ein Guerilla-Gärtner zu werden?
 Es gibt immer wieder Aktivisten – gerade junge Städter – , die politisch aktiv werden wollen. Sie lieben das Aufregende, sie wollen cool sein. Aber ihr Eifer verpufft schnell, wenn die Anerkennung für echte Gartenarbeit fehlt. Ich selbst musste das auch erst lernen. Das war mir anfangs nicht klar. Erst wenn man sich länger draußen aufhält, beginnt man die Natur zu verstehen, lernt Menschen im Stadtteil kennen und spürt auch Verantwortung für die Stadt, in der man lebt. Wie viel Zeit verbringen Sie mit Gärtnern? Je nach Jahreszeit ist das unterschiedlich. Im Winter gibt es natürlich wenig zu tun, im Frühling und Sommer dafür umso mehr. Ich bin abends dann immer eine gute halbe Stunde unterwegs. Manchmal kann es natürlich auch mehr werden, gerade wenn wir neue Beete anlegen. Durch Ihr Buch sind Sie über England hinaus bekannt geworden. Ist Guerilla-Gärtnern für Sie mittlerweile mehr als ein Hobby? Es nimmt schon viel Zeit in Anspruch, aber ich arbeite auch weiterhin in meinem Beruf. Allerdings weniger als früher, als ich noch Vollzeit in einer Werbeagentur beschäftigt war. Heute bin ich Freiberufler. Ab und zu werde ich auch zu Vorträgen in andere Städte eingeladen. Das ist immer wie Urlaub für mich, auch wenn sich das nicht unbedingt rechnet. Es macht mir Spaß, herumzukommen und Neues zu sehen. Und so soll es auch weitergehen? Das sind diese Art Fragen, die meine Freundin oder meine Eltern mir sonst stellen. Aber Spaß beiseite. Solange Menschen sich dafür interessieren, mache ich weiter. Ich bleibe in meiner billigen Unterkunft wohnen und verbreite meine Botschaft. Arbeiten und Gärtnern passt ja gut zusammen. Während es tagsüber im Büro stressig ist, tue ich abends etwas Simples, bei dem ich schnell Ergebnisse sehe. Das ist befreiend, gut für mein Wohlbefinden und für die Umwelt.  

Interview: Thomas Becker