Fotos ANDRE ZELCK

Licht am Ende des Tunnels 

Nahtod-Erfahrungen sind ein umstrittenes Phänomen. Die Seele kann sich nicht vom Körper lösen, sagen Wissenschaftler. Aber ich hab’s doch erlebt, halten Menschen mit solchen Erfahrungen dagegen.
Anfang der 60er Jahre stürzte Ursula Berg (Name geändert) im Sportunterricht. Beim übermütigen Schaukeln an den Ringen rutschten ihre Hände ab. Die Elfjährige landete hart auf dem Rücken, ihr blieb buchstäblich den Atem weg. An das, was danach kam, erinnert sie sich bis heute genau: „Meine Seele verließ meinen Körper mit diesem letzten Atemzug. Ganz, ganz langsam stieg sie nach oben unter die hohe Decke der Turnhalle“, erzählt die heute 55-Jährige. Von dort oben aus sah sie sich auf dem Boden liegen, sah, wie ihre Mitschüler und die Lehrerin besorgt herbeieilten. Sie selbst hat aber höchstes Glück empfunden. „Ich dachte, jetzt bin ich tot, und das ist wunderbar“, erinnert sich Ursula Berg. „Ich fühlte mich von der Schwere meines Körpers erlöst und völlig frei.“ Auch an die Wiederbelebungsversuche der Lehrerin kann sie sich erinnern, und an ihre Hoffnung, dass diese vergeblich bleiben würden. Doch die Lehrerin hatte Erfolg. „Ich wurde sehr, sehr schnell in meinen Körper zurückgesaugt, ja zurückkatapultiert. Ich landete unsanft in meiner Brust.“ 
Ursula Berg lebt heute als Hausfrau in Königswinter. Lange Zeit hat sie niemandem von ihrem Erlebnis erzählt. Nicht einmal ihre mittlerweile verstorbenen Eltern haben je davon erfahren. „Ich musste das alles erst mal selbst verarbeiten. Außerdem hatte ich Angst, es könnte von anderen zerredet werden“, erklärt sie. Es fiel ihr schwer, das Erlebte in Worte zu fassen. Sie fürchtete: Wer nicht Vergleichbares erlebt hat, kann es auch nicht begreifen. Für das, was Ursula Berg lange nicht in Worte fassen konnte, gibt es einen Namen: Nahtod-Erfahrung. Manche Patienten erzählen von schwebenden außerkörperlichen Erfahrungen, andere von einer Art Licht am Ende des Tunnels. Die Unterschiede, meinen Mediziner, könnten mit dem Grad des Bewusstseinsverlustes zusammenhängen. Auch der 39 Jahre alte Bonner Thomas Lehmann (Name geändert) hatte vor 15 Jahren ein Nahtod-Erlebnis. Durch ein Herz- und Kreislaufversagen war er bewusstlos geworden. „Ich verließ meinen Körper und ging einen schmalen, langen Weg“, erzählt Thomas Lehmann. „Am Ende dieses Weges wurde es heller. Ich stand vor einem verschlossenen Tor, durch das sehr helles Licht drang. Ich fühlte mich unendlich glücklich, wie noch nie in meinem Leben.“ Hätte sich dieses Tor geöffnet, glaubt er heute, hätte es keinen Weg zurückgegeben. Die Wärme und das Licht waren sehr verführerisch, erinnert sich Thomas Lehmann. Doch dann musste er an seine Familie denken. „Ich kehrte in meinen Körper zurück, spürte sehr, sehr starke Schmerzen.“  Andreas Bieneck ist evangelischer Klinikseelsorger an den Bonner Universitätskliniken. Immer wieder haben ihm Patienten von Erlebnissen berichtet, die denen von Ursula Berg und Thomas Lehmann ähneln. Gemeinsam mit seinen katholischen Kollegen Hans-Bernd Hagedorn und Walter Koll hat er diese Berichte gesammelt und kürzlich in einem Buch veröffentlicht. „Wir wollen das Thema Tod aus der Tabuzone holen“, erklärt Andreas Bieneck. „Außerdem möchten wir denen Trost bieten, die um jemanden trauern oder Angst vor dem Tod haben.“ Den drei Theologen war es aber auch wichtig, das Phänomen Nahtod-Erfahrung von der wissenschaftlichen Seite aus zu beleuchten. Als Experten zogen sie Christian Hoppe zu Rate, Neuropsychologe an der Bonner Uniklinik für Epileptologie. Der Mediziner weiß aus Erfahrung, dass die direkte Auseinandersetzung mit Betroffenen schwierig ist: „Auf sie wirkt der naturwissenschaftliche Standpunkt oft verletzend, weil ein objektiver Maßstab an ihre persönliche Erfahrung gelegt wird.“ Aus medizinischer Sicht steht aber fest, dass keiner der Menschen, die von Nahtod-Erlebnissen berichten, je wirklich tot war. „Nur der unwiederbringliche Verlust der Hirnfunktionen ist als medizinisches Todeskriterium anerkannt“, erklärt Christian Hoppe. Bei den Nahtod-Erlebnissen handelt es sich vielmehr um Erfahrungen im Grenzbereich zwischen Wachbewusstsein und Bewusstlosigkeit. Konkret sind Erlebnisse wie die von Ursula Berg und Thomas Lehmann nach Einschätzung des Neuropsychologen die Folge eines „Ausfalls einzelner hirnphysiologischer Module, welche dem normalen, wachbewussten Erleben notwendig zugrunde liegen“. Die Bezeichnung Nahtod-Erfahrung hält Christian Hoppe für irreführend, weil solche Zustände nicht nur in lebensbedrohlichen Situationen auftreten, sondern sich zum Beispiel auch durch Drogen hervorrufen lassen. „Als Naturwissenschaftler kann man dazu nichts anderes sagen als Halluzination, auch wenn Patienten diese Erlebnisse subjektiv als real empfinden“, sagt er. Zugleich will der Neuropsychologe das Erlebte als Halluzination nicht abgewertet wissen: „Der Betroffene lügt oder phantasiert nicht, er hat auch nicht nur geträumt.“
Dass sich die Seele vom Körper löst, wie viele Betroffene berichten, hält Christian Hoppe allerdings für Unsinn. Dazu müsste sich das Bewusstsein vom Gehirn trennen – was die Person dann aber gar nicht wissen könnte. „Bisher ist nicht bewiesen, dass es hirnunabhängige psychische Phänomene gibt oder dass Erleben – in welcher Form auch immer – außerhalb des Lebens möglich sein könnte“, erklärt Hoppe. Der Neuropsychologe räumt aber auch ein, dass er nicht einschätzen könne, wie es sich auf seine Ansichten auswirkte, wenn er selbst so eine Erfahrung machen würde. „Ich weiß nicht, ob das nicht alles auf den Kopf stellt.“ Bis dahin glaubt er aber, dass Menschen trotz ihrer Nahtod-Erfahrung nichts darüber wissen, was sie einmal im Sterben erleben werden. Weder Ursula Berg noch Thomas Lehmann haben je einen Mediziner um eine wissenschaftliche Einschätzung gebeten. Lange haben sie befürchtet, ihre Erlebnisse würden mit medizinischen Erklärungen abgetan. „Als wenn das nicht sein könnte, was man da empfindet“, sagt Thomas Lehmann. „Ich bin sicher, keine Halluzination gehabt zu haben“, meint Ursula Berg. Heute ist es ihr aber im Prinzip egal, ob ihr jemand glaubt oder nicht. In erster Linie ist dieses Sekundenerlebnis, das derart haften blieb, für sie selbst sehr wichtig gewesen: „Ich fühlte mich plötzlich viel erfahrener und weiser als meine Mitmenschen. Ich habe früh angefangen, über mein Leben nachzudenken.“ Zwar bezeichnet Ursula Berg sich nicht unbedingt als christlich, doch sie glaubt seither an eine spirituelle Macht: „An etwas, wo wir hinstreben. Irgendein Sinn und Zweck liegt darin, dass wir hier sind.“ Im Fall von Thomas Lehmann hat das Nahtoderlebnis seinen Glauben gestärkt: „Ich glaube seitdem, dass jeder Körper eine Seele hat, und an ein Leben nach dem Tod.“ Der Christ hat keine Angst mehr vor dem Tod. „Sterben als solches ist schön“, glaubt Thomas Lehmann, „die Frage ist nur, unter welchen Umständen es geschieht.“ Seit dieser Erfahrung behält er selbst in Lebensgefahr die Nerven: Vor einigen Jahren hat er bei einem schweren Chemieunfall in Bonn einen Menschen aus den Flammen gerettet. Wie immer sie zu erklären sind – Ursula Berg und Thomas Lehmann haben außergewöhnliche Dinge erlebt. Mit ihnen ließen sich weder Gott noch ein Leben nach dem Tod beweisen, resümiert Klinikseelsorger Andreas Bieneck. „Sie können aber unseren Glauben und unsere Hoffnung stärken“, sagt er, „und ein Hinweis darauf sein, dass wir im Sterben zurückkehren zu Gott und damit in unsere eigentliche Heimat.“

Text: Barbara   Buchholz
Fotos: André Zelck