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Mein Kirchgang

Sonntag, 11.15 Uhr, Martin-Luther-Kirche Köln
Pfarrer Hans Mörtter „ihrzt“ die rund hundert Besucher, die sich zum ersten „Kölner Talk-Gottesdienst“ in der Martin-Luther-Kirche eingefunden haben. „Schön, dass Ihr da seid“, begrüßt er sie. Das irritiert zunächst. Aber warum sollten wir uns als Schwestern und Brüder im Herrn nicht duzen und ihrzen? Talk-Gottesdienst heißt: Ein Gespräch mit einem prominenten Gast ist in den Gottesdienst eingebettet. Talk-Gast ist der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum (Foto links). Befragt wird er von Schauspieler Peter Clös, der gemeinsam mit Mörtter den Talk-Gottesdienst initiiert hat. Wer eine kontroverse Diskussion erwartet hat, wird enttäuscht. Wer sich darauf einlässt, dass es sich um eine Art Interview handelt, bei dem Baum ausführlich seine politischen Erlebnisse und Ansichten darlegt, erfährt
Fotos ANDRE ZELCK
„Kölner Talk-Gottesdienst“ in der Martin-
Luther-Kirche
Interessantes. „Menschenwürde“ ist das Hauptthema des Gottesdienstes und auch der rote Faden des Interviews. Baum berichtet, wie er zum Thema Menschenrechte kam und warum er sich in der Politik und als UNO-Menschenrechtsbeauftragter dafür stark machte. Wir müssten alles tun, um Grundwerte wie das absolute Folterverbot aufrechtzuerhalten, fordert Baum. Er bezeichnet sich als Realist und Humanist. Auch das christlich-jüdische Weltbild habe ihn geprägt. Ob sein Engagement auch christlich begründet ist, erfahren die Zuhörer nicht. Schade, schließlich spricht er in einem Gottesdienst. Schön, dass Mörtter eine Verbindung herstellt: Was Baum sage, sei ur-protestantisch. Die Würde des Menschen sei unantastbar, weil er Gottes Ebenbild sei. Die Kirche wirkt ein wenig düster. Aber die Musik hebt die Stimmung! Kantor Thomas Frerichs am Piano und Alessandro Palmitessa am Saxophon bringen die Besucher musikalisch in Schwung. Und das alles mit Liedern aus dem Evangelischen Gesangbuch. Die Musiker untermalen auch dezent die Gebete, die Mörtter eindringlich, manchmal eine Spur zu pathetisch spricht. Lang dauert der Gottesdienst: zwei Stunden. Langweilig ist er keineswegs – doch würde es nicht schaden, den Talk-Teil mit dem prominenten Gast entweder kürzer oder kontroverser zu gestalten.

Text: Ute Stephanie Mansion 
Foto: André Zelck