
Dankeschön für eine Leiche
Was ist der Mensch? Ein medizinisches Wunderwerk, denkt Medizinstudentin Simone Brinkmann, seit sie das erste Mal einen toten Körper seziert hat. Am Semesterende trifft sie auf Angehörige der Körperspender, um gemeinsam Abschied zu nehmen. Es ist ein nasskalter Februarmorgen. Ein Tag, an dem es leicht fallen müsste zu trauern. Aber Simone Brinkmann will es nicht gelingen. Die Medizinstudentin betritt die Kapelle auf dem Aachener Westfriedhof. Dort soll der Menschen gedacht werden, die ihren Leichnam der Wissenschaft zur Verfügung gestellt haben.
Noch vor ein paar Wochen hat Simone Brinkmann selbst anhand der toten Körper die menschliche Anatomie studiert. Am Seziertisch hatten die Leichen noch Nummern, keine Namen. Von Präparaten war die Rede, nicht von Menschen. Nun, bei der Trauerfeier, werden aus diesen Präparaten plötzlich wieder Menschen. Mit einer Biographie, einem früheren Leben. Simone Brinkmann lehnt an der Kapellenwand und schaut auf fünf Holzsärge, die im vorderen Teil des Raums aufgebahrt sind. Ihr langes, blondes Haar fällt über die schwarze Jacke, die sie extra für diesen Anlass angezogen hat, damit sie wenigstens äußerlich Trauer zeigen kann. Später wird sie sagen, dass sie nicht wusste, wie sie sich verhalten sollte. Und dass sie sich gefragt hat, ob sich die Angehörigen durch ihre Anwesenheit nicht gestört fühlten.
Einer dieser Angehörigen ist Werner Schäfer, 88 Jahre alt.

Werner Schäfer möchte seinen
Körper der Wissenschaft spenden.
Aus Dankbarkeit, weil Ärzte ihm
einst das Leben retteten.
Foto: Markus J. Feger
Er sitzt in der ersten Bankreihe und hält seine Schirmmütze fest in den Händen. Das schüttere Haar hat er akkurat nach hinten gekämmt. Sein Blick ist auf den Sarg seiner Frau gerichtet. Mehr als ein halbes Jahrhundert haben sie zusammengelebt hat. Eine kleine Ewigkeit.
Da sie keine Kinder haben und die meisten Verwandten tot sind, begleiten ihn einige wenige Freunde zum Westfriedhof. Sie sitzen schweigend neben ihm. Später wird er sagen, dass er sich gefreut hat, dass so viele Medizinstudierende – insgesamt mehr als hundert – an der Trauerfeier teilgenommen haben.
Simone Brinkmann und Werner Schäfer begegnen sich in der Friedhofskapelle zum ersten Mal. Es ist eine flüchtige Begegnung zweier Menschen, die so gut wie nichts voneinander wissen. Und doch ist es gut möglich, dass sie etwas verbindet: die Beziehung zu einem toten Menschen. Zu Katharina Schäfer. Ein Foto von ihr hängt über Werner Schäfers Schreibtisch in der ehemals gemeinsamen Wohnung in Aachen. Er hat es kurz nach ihrem Tod im August 2010 herausgesucht und vergrößern lassen. Zu sehen ist eine Frau im Faltenrock, Dauerwelle, 1,68 Meter groß, bei einem Spaziergang am Rhein. So will er Katharina in Erinnerung behalten.
„Das ist eine sinnvolle Sache“
Vieles in der geräumigen Wohnung erinnert an sie. Der beige Sessel im Wohnzimmer, in dem Werner Schäfer etwas steif Platz genommen hat. „Da saß sie immer.“ Die Porzellan-Enten im Regalfach der braunen Schrankwand hinter ihm. „Die hat sie ausgesucht.“ 58 gemeinsame Ehejahre hinterlassen ihre Spuren. Dass Katharina Schäfer ihren Körper nach dem Tod der Wissenschaft zur Verfügung gestellt hat, haben sie gemeinsam entschieden. Der Gedanke daran, was mit ihrem Körper geschieht, schreckt Werner Schäfer nicht. Im Gegenteil. Wenn er darüber spricht, scheint es das Natürlichste von der Welt zu sein, dass Menschen nicht nur einzelne Organe, sondern gleich den ganzen Körper spenden. „Tot ist tot“, sagt er. Und wenn man der Wissenschaft über den Tod hinaus einen Dienst erweisen kann, wäre das doch eine „sinnvolle Sache“.
Auch Werner Schäfer ist „Körperspender“, wie die Mediziner sagen. Eine zufällige Begegnung im Jahr 1991 gibtden Anstoß dazu: Werner Schäfer, damals 68 Jahre alt, lässt sich routinemäßig untersuchen. Die Ärzte entdecken einen bösartigen Tumor in seiner Niere und operieren ihn umgehend. „Dadurch habe ich zwar eine Niere verloren, aber Jahrzehnte an Lebenszeit gewonnen“, sagt Werner Schäfer. Nach der Operation bleibt er zur Untersuchung noch mehrere Tage im Aachener Universitätsklinikum. Er unterhält sich mit einem Pfleger, der nebenbei Medizin studiert. Der junge Mann erzählt ihm, dass die Medizin schon viel weiter sein könnte, wenn mehr Menschen ihren Leichnam für Lehr- und Forschungszwecke spenden würden. „Da erschien es mir nur konsequent, dass ich mich dankbar zeige“, erinnert sich Werner Schäfer. „Schließlich hatten die Ärzte mir gerade das Leben gerettet.“
20 Jahre lang tragen sie den Körperspendeausweis bei sich
Er berät sich mit seiner Frau. „Lange brauchten wir nicht zu diskutieren.“ Noch im selben Jahr unterschreiben beide eine Vereinbarung zur Ganzkörperspende. Konkret bedeutet das: Beide willigen ein, dass Fachärzte und Forscher an ihren toten Körpern komplizierte Operationen ausprobieren, testen und entwickeln und Besonderheiten ihrer Anatomie untersuchen dürfen. Zudem erklären sie sich bereit, dass ihre Leichen zur Ausbildung von Studierenden verwendet werden dürfen. Zwanzig Jahre lang tragen Katharina und Werner Schäfer ihren Körperspender-Ausweis bei sich.

Im dritten Semester muss
Simone Brinkmann zum
ersten Mal an Leichen
arbeiten. Für sie ist der
menschliche Körper ein
Wunderwerk.
Foto: Markus J. Feger)
„Vor vier Jahren haben sich bei meiner Frau erste Anzeichen von Demenz gezeigt“, erzählt Werner Schäfer. Am Ende sei der Pflegedienst drei Mal täglich vorbei gekommen, um seine fast 90-jährige Frau zu versorgen. An einem Sommertag schläft Katharina Schäfer ein und wacht nicht mehr auf. „Es war ein sanfter Tod“, erinnert sich ihr Mann. Und so etwas wie eine Erlösung.
Nach ihrem Tod informiert ihr Hausarzt das Anatomische Institut der Universität Aachen. Ein Bestatter bringt Katharina Schäfers Leichnam anschließend ins dortige Klinikum. Genau so wie sie es verfügt hat, bevor ihr Gedächtnis sie verließ.
Zwei Monate nach ihrem Tod, im Oktober 2010, beginnt für Simone Brinkmann das dritte Semester ihres Medizinstudiums an der Universität Aachen. Und es geht ans Eingemachte: Zum ersten Mal muss die angehende Medizinerin an Leichen arbeiten. Eine Vorlesung soll sie darauf vorbereiten. Knapp 200 Studierende schreiben mit, was Professor Andreas Prescher vom Institut für Anatomie über Muskeln, Nervenbahnen und Fettpolster erzählt. Angehende Ärzte müssten wissen, wie sich all das anfühle und wie es etwa in einem Unterarm aussehe. „Als Studienobjekt benötigen wir deswegen die menschliche Leiche.“
Körperspende aus finanziellen Nöten
Im vergangenen Jahr nimmt die Medizinische Fakultät in Aachen 70 Leichen von Körperspendern entgegen, darunter auch die von Katharina Schäfer. Die Wartelisten sind lang. Seit einigen Jahren wollen immer mehr Menschen ihren Leichnam spenden – und das nicht nur in Aachen. Zwar gibt es keine offizielle Statistik der bundesweit 32 Anatomischen Institute. Doch die Tendenz ist eindeutig: Die Institute können sich vor Körperspende-Anfragen kaum retten. Was die Menschen dazu bewegt, erfährt Simone Brinkmann in einer zweiten Vorlesung. Früher seien altruistische Motive vorherrschend gewesen, erzählt Medizinhistoriker Gereon Schäfer. „Wer seinen Leichnam der Wissenschaft zur Verfügung stellte, sah darin einen Sinn über den eigenen Tod hinaus und hat dafür keine Gegenleistung erwartet.“ Heute dagegen sind finanzielle Motive – und Nöte – ausschlaggebend. Seitdem das Sterbegeld 2004 gestrichen wurde, könnten sich immer weniger Menschen ein Begräbnis leisten, erklärt Gereon Schäfer. Zudem hätten Senioren oft keine Hinterbliebenen mehr, die sich um eine Begräbnisfeier kümmern. „In der Regel übernehmen Anatomische Institute die Organisation und alle Kosten, inklusive Grabpflege.“
Am Tag darauf bindet sich Simone Brinkmann ihre langen blonden Haare zu einem Zopf zusammen, zieht Kittel und Handschuhe an und betritt den Präpariersaal. Es liegt ein Geruch von Formalin in der Luft, ein Gemisch aus Alkohol und Chemikalien. Es wird durch die Venen der Leichen gepumpt, um Keime abzutöten. Die blassblauen Körper liegen aufgebart auf den Tischen. Sie sind durch Tücher abgedeckt. Die junge Studentin arbeitet an Tisch 14. Sie hält das Messer so, wie sie es gelernt hat, die scharfe Klinge von sich weg. Mit ruhiger Hand ritzt sie eine Furche in die kalte Haut, nicht zu tief, um keine Venen oder Nerven zu durchtrennen. Mit einer Pinzette zieht sie an einem Hautzipfel und säubert mit einem Schaber die darunter liegenden Muskeln. An zwei Körpern darf sie üben, über deren Lebensgeschichte sie nur erfährt, was die Anatomie ihrer toten Körper verrät: Es waren zwei Frauen, gut 1,60 Meter groß, mindestens 70 Jahre alt. Namenlose Körper. Studienobjekte. Todesursache: für Simone Brinkmann unbekannt.
„Kommen wir trotzdem in den Himmel?“
Zwei Wochen lang entfernt sie Fett und Bindegewebe vom Körper, damit der gesamte Bewegungsapparat sichtbar wird. Präparieren nennt das der Fachmann. Bei ihrem ersten Schnitt, sagt sie, sei ihr mulmig gewesen. Simone Brinkmann sitzt im Foyer der Uni, macht Kaffeepause. „Zuerst hatte ich das Gefühl, ich verletze jemanden“, berichtet sie. „Nach ein paar Tagen hat sich das aber gelegt.“ Sie habe sich bemüht, behutsam zu arbeiten und Distanz zu wahren, wie eine professionelle Ärztin. Und doch: Wenn sie sich vor und nach dem Präparierkurs mit anderen Studierenden unterhält, kommen Fragen, Zweifel, Unsicherheiten. Ist es vielleicht doch Leichenschändung, was sie tun? Haben sie womöglich die Totenruhe gestört? Einmal, erzählt Simone Brinkmann, habe eine Freundin sie auch gefragt: „Kommen wir trotzdem in den Himmel?“ Sie selbst glaubt, dass das Präparieren von Leichen dem nicht im Wege steht. Schließlich sei es notwendig, sich als angehende Ärztin einen dreidimensionalen Eindruck vom Körper zu verschaffen. „Es würde zu größerem Schaden führen, wenn ich bei einer Operation ein wichtiges Organ beschädige, nur weil ich keine Erfahrung habe.“ Nein, das Sezieren der Leichen sei keine Leichenschändung, sagt sie bestimmt, sondern ein „Dienst am Leben“.
Krankenhausseelsorger Dirk Puder sieht das ähnlich. Der evangelische Pfarrer hat in 15 Jahren am Aachener Universitätsklinikum mehr als zwanzig Körperspender seelsorglich betreut. „Nach christlichem Verständnis endet das Wesentliche eines Menschen mit dem Tod“, sagt der Seelsorger. Zurück blieben nur leblose Körper, die einmal die Hülle des Lebens gewesen seien. „Wenn jemand damit noch etwas Gutes tun möchte, ist dagegen nichts einzuwenden.“ Wer Leichen präpariere, müsse aber in jedem Fall die Würde des Menschen achten, sagt Dirk Puder. „Sie reicht über den Tod hinaus.“ Dazu gehört für ihn auch die Trauerfeier am Ende eines Semesters. Der Mensch sei schließlich „mehr als die Summe seiner Körperteile“. Die Studierenden könnten sich vergegenwärtigen, dass das Präparat, an dem sie gearbeitet haben, einmal zu einem Menschen mit einer Lebensgeschichte gehört hat. „Und sie können Dankbarkeit zeigen.“
Dankbarkeit spürt auch Simone Brinkmann, als sie an jenem trüben Februarmorgen die Kapelle auf dem Aachener Westfriedhof betritt. Sie ist früh da und verhält sich leise, ganz dezent. Bloß nichts Falsches sagen, bloß niemanden stören, denkt sie sich. Man könnte meinen, Simone Brinkmann wäre am liebsten unsichtbar – und doch präsent. „Letztlich bin ich zur Trauerfeier gegangen“, sagt sie später, „weil ich meine Wertschätzung ausdrücken wollte – gegenüber den Toten, aber auch gegenüber den Angehörigen.“ Auf den Kapellenbänken liegen Zettel aus. Darauf eine Strophe aus dem Gedicht „Mondnacht“ von Joseph von Eichendorff: „Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus, flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus.“
Der Mensch, ein „Hammerkonstrukt“
Während der Trauerfeier denkt Simone Brinkmann darüber nach, was wohl mit den Seelen der Körperspender passiert ist. „Ich weiß es natürlich nicht, aber ich glaube und hoffe, dass ihre Seelen bei Gott sind.“ Werner Schäfer teilt diese Hoffnung nicht. Für ihn gibt es keinen Ort, an dem die Seelen weiter existieren. „Ich glaube weder an den Himmel noch die Hölle“, sagt der Witwer. Die Seelen der Verstorbenen lebten allein in der Erinnerung der Lebenden fort. Also auch in ihm. Die christliche Trauerfeier hat ihm dennoch gut gefallen. „War doch toll“, wird er später sagen. Und – wieder zuhause angekommen – einen Artikel aus der Aachener Zeitung holen, den er ausgeschnitten hat. „Menschen werden immer älter, Krebserkrankungen nehmen zu“, wird er vorlesen. „Die Entwicklung wirkungsvoller Operationen und Medikamente wird immer wichtiger.“ Er hofft, seinen Teil dazu beitragen zu können. So wie seine Frau. Ob sie eine der beiden Frauen war, an denen Simone Brinkmann das Präparieren geübt hat?
Die Medizinstudentin wird es nie erfahren. Und das ist gut so. Wichtig ist ihr, dass sie die komplexe Anatomie des Menschen kennengelernt hat. „656 Muskeln und ein 2500 Kilometer langes Netz aus Adern und Blutgefäßen – das fand ich faszinierend“, sagt sie. Und fügt leise an: „Ich denke jeden Tag: Was ist der Mensch doch für ein Hammerkonstrukt.“
Text: Thomas Becker
Fotos: Markus J. Feger
Noch vor ein paar Wochen hat Simone Brinkmann selbst anhand der toten Körper die menschliche Anatomie studiert. Am Seziertisch hatten die Leichen noch Nummern, keine Namen. Von Präparaten war die Rede, nicht von Menschen. Nun, bei der Trauerfeier, werden aus diesen Präparaten plötzlich wieder Menschen. Mit einer Biographie, einem früheren Leben. Simone Brinkmann lehnt an der Kapellenwand und schaut auf fünf Holzsärge, die im vorderen Teil des Raums aufgebahrt sind. Ihr langes, blondes Haar fällt über die schwarze Jacke, die sie extra für diesen Anlass angezogen hat, damit sie wenigstens äußerlich Trauer zeigen kann. Später wird sie sagen, dass sie nicht wusste, wie sie sich verhalten sollte. Und dass sie sich gefragt hat, ob sich die Angehörigen durch ihre Anwesenheit nicht gestört fühlten.
Einer dieser Angehörigen ist Werner Schäfer, 88 Jahre alt.

Werner Schäfer möchte seinen
Körper der Wissenschaft spenden.
Aus Dankbarkeit, weil Ärzte ihm
einst das Leben retteten.
Foto: Markus J. Feger
Simone Brinkmann und Werner Schäfer begegnen sich in der Friedhofskapelle zum ersten Mal. Es ist eine flüchtige Begegnung zweier Menschen, die so gut wie nichts voneinander wissen. Und doch ist es gut möglich, dass sie etwas verbindet: die Beziehung zu einem toten Menschen. Zu Katharina Schäfer. Ein Foto von ihr hängt über Werner Schäfers Schreibtisch in der ehemals gemeinsamen Wohnung in Aachen. Er hat es kurz nach ihrem Tod im August 2010 herausgesucht und vergrößern lassen. Zu sehen ist eine Frau im Faltenrock, Dauerwelle, 1,68 Meter groß, bei einem Spaziergang am Rhein. So will er Katharina in Erinnerung behalten.
„Das ist eine sinnvolle Sache“
Vieles in der geräumigen Wohnung erinnert an sie. Der beige Sessel im Wohnzimmer, in dem Werner Schäfer etwas steif Platz genommen hat. „Da saß sie immer.“ Die Porzellan-Enten im Regalfach der braunen Schrankwand hinter ihm. „Die hat sie ausgesucht.“ 58 gemeinsame Ehejahre hinterlassen ihre Spuren. Dass Katharina Schäfer ihren Körper nach dem Tod der Wissenschaft zur Verfügung gestellt hat, haben sie gemeinsam entschieden. Der Gedanke daran, was mit ihrem Körper geschieht, schreckt Werner Schäfer nicht. Im Gegenteil. Wenn er darüber spricht, scheint es das Natürlichste von der Welt zu sein, dass Menschen nicht nur einzelne Organe, sondern gleich den ganzen Körper spenden. „Tot ist tot“, sagt er. Und wenn man der Wissenschaft über den Tod hinaus einen Dienst erweisen kann, wäre das doch eine „sinnvolle Sache“.
Auch Werner Schäfer ist „Körperspender“, wie die Mediziner sagen. Eine zufällige Begegnung im Jahr 1991 gibtden Anstoß dazu: Werner Schäfer, damals 68 Jahre alt, lässt sich routinemäßig untersuchen. Die Ärzte entdecken einen bösartigen Tumor in seiner Niere und operieren ihn umgehend. „Dadurch habe ich zwar eine Niere verloren, aber Jahrzehnte an Lebenszeit gewonnen“, sagt Werner Schäfer. Nach der Operation bleibt er zur Untersuchung noch mehrere Tage im Aachener Universitätsklinikum. Er unterhält sich mit einem Pfleger, der nebenbei Medizin studiert. Der junge Mann erzählt ihm, dass die Medizin schon viel weiter sein könnte, wenn mehr Menschen ihren Leichnam für Lehr- und Forschungszwecke spenden würden. „Da erschien es mir nur konsequent, dass ich mich dankbar zeige“, erinnert sich Werner Schäfer. „Schließlich hatten die Ärzte mir gerade das Leben gerettet.“
20 Jahre lang tragen sie den Körperspendeausweis bei sich
Er berät sich mit seiner Frau. „Lange brauchten wir nicht zu diskutieren.“ Noch im selben Jahr unterschreiben beide eine Vereinbarung zur Ganzkörperspende. Konkret bedeutet das: Beide willigen ein, dass Fachärzte und Forscher an ihren toten Körpern komplizierte Operationen ausprobieren, testen und entwickeln und Besonderheiten ihrer Anatomie untersuchen dürfen. Zudem erklären sie sich bereit, dass ihre Leichen zur Ausbildung von Studierenden verwendet werden dürfen. Zwanzig Jahre lang tragen Katharina und Werner Schäfer ihren Körperspender-Ausweis bei sich.

Im dritten Semester muss
Simone Brinkmann zum
ersten Mal an Leichen
arbeiten. Für sie ist der
menschliche Körper ein
Wunderwerk.
Foto: Markus J. Feger)
Nach ihrem Tod informiert ihr Hausarzt das Anatomische Institut der Universität Aachen. Ein Bestatter bringt Katharina Schäfers Leichnam anschließend ins dortige Klinikum. Genau so wie sie es verfügt hat, bevor ihr Gedächtnis sie verließ.
Zwei Monate nach ihrem Tod, im Oktober 2010, beginnt für Simone Brinkmann das dritte Semester ihres Medizinstudiums an der Universität Aachen. Und es geht ans Eingemachte: Zum ersten Mal muss die angehende Medizinerin an Leichen arbeiten. Eine Vorlesung soll sie darauf vorbereiten. Knapp 200 Studierende schreiben mit, was Professor Andreas Prescher vom Institut für Anatomie über Muskeln, Nervenbahnen und Fettpolster erzählt. Angehende Ärzte müssten wissen, wie sich all das anfühle und wie es etwa in einem Unterarm aussehe. „Als Studienobjekt benötigen wir deswegen die menschliche Leiche.“
Körperspende aus finanziellen Nöten
Im vergangenen Jahr nimmt die Medizinische Fakultät in Aachen 70 Leichen von Körperspendern entgegen, darunter auch die von Katharina Schäfer. Die Wartelisten sind lang. Seit einigen Jahren wollen immer mehr Menschen ihren Leichnam spenden – und das nicht nur in Aachen. Zwar gibt es keine offizielle Statistik der bundesweit 32 Anatomischen Institute. Doch die Tendenz ist eindeutig: Die Institute können sich vor Körperspende-Anfragen kaum retten. Was die Menschen dazu bewegt, erfährt Simone Brinkmann in einer zweiten Vorlesung. Früher seien altruistische Motive vorherrschend gewesen, erzählt Medizinhistoriker Gereon Schäfer. „Wer seinen Leichnam der Wissenschaft zur Verfügung stellte, sah darin einen Sinn über den eigenen Tod hinaus und hat dafür keine Gegenleistung erwartet.“ Heute dagegen sind finanzielle Motive – und Nöte – ausschlaggebend. Seitdem das Sterbegeld 2004 gestrichen wurde, könnten sich immer weniger Menschen ein Begräbnis leisten, erklärt Gereon Schäfer. Zudem hätten Senioren oft keine Hinterbliebenen mehr, die sich um eine Begräbnisfeier kümmern. „In der Regel übernehmen Anatomische Institute die Organisation und alle Kosten, inklusive Grabpflege.“
Am Tag darauf bindet sich Simone Brinkmann ihre langen blonden Haare zu einem Zopf zusammen, zieht Kittel und Handschuhe an und betritt den Präpariersaal. Es liegt ein Geruch von Formalin in der Luft, ein Gemisch aus Alkohol und Chemikalien. Es wird durch die Venen der Leichen gepumpt, um Keime abzutöten. Die blassblauen Körper liegen aufgebart auf den Tischen. Sie sind durch Tücher abgedeckt. Die junge Studentin arbeitet an Tisch 14. Sie hält das Messer so, wie sie es gelernt hat, die scharfe Klinge von sich weg. Mit ruhiger Hand ritzt sie eine Furche in die kalte Haut, nicht zu tief, um keine Venen oder Nerven zu durchtrennen. Mit einer Pinzette zieht sie an einem Hautzipfel und säubert mit einem Schaber die darunter liegenden Muskeln. An zwei Körpern darf sie üben, über deren Lebensgeschichte sie nur erfährt, was die Anatomie ihrer toten Körper verrät: Es waren zwei Frauen, gut 1,60 Meter groß, mindestens 70 Jahre alt. Namenlose Körper. Studienobjekte. Todesursache: für Simone Brinkmann unbekannt.
„Kommen wir trotzdem in den Himmel?“
Zwei Wochen lang entfernt sie Fett und Bindegewebe vom Körper, damit der gesamte Bewegungsapparat sichtbar wird. Präparieren nennt das der Fachmann. Bei ihrem ersten Schnitt, sagt sie, sei ihr mulmig gewesen. Simone Brinkmann sitzt im Foyer der Uni, macht Kaffeepause. „Zuerst hatte ich das Gefühl, ich verletze jemanden“, berichtet sie. „Nach ein paar Tagen hat sich das aber gelegt.“ Sie habe sich bemüht, behutsam zu arbeiten und Distanz zu wahren, wie eine professionelle Ärztin. Und doch: Wenn sie sich vor und nach dem Präparierkurs mit anderen Studierenden unterhält, kommen Fragen, Zweifel, Unsicherheiten. Ist es vielleicht doch Leichenschändung, was sie tun? Haben sie womöglich die Totenruhe gestört? Einmal, erzählt Simone Brinkmann, habe eine Freundin sie auch gefragt: „Kommen wir trotzdem in den Himmel?“ Sie selbst glaubt, dass das Präparieren von Leichen dem nicht im Wege steht. Schließlich sei es notwendig, sich als angehende Ärztin einen dreidimensionalen Eindruck vom Körper zu verschaffen. „Es würde zu größerem Schaden führen, wenn ich bei einer Operation ein wichtiges Organ beschädige, nur weil ich keine Erfahrung habe.“ Nein, das Sezieren der Leichen sei keine Leichenschändung, sagt sie bestimmt, sondern ein „Dienst am Leben“.
Krankenhausseelsorger Dirk Puder sieht das ähnlich. Der evangelische Pfarrer hat in 15 Jahren am Aachener Universitätsklinikum mehr als zwanzig Körperspender seelsorglich betreut. „Nach christlichem Verständnis endet das Wesentliche eines Menschen mit dem Tod“, sagt der Seelsorger. Zurück blieben nur leblose Körper, die einmal die Hülle des Lebens gewesen seien. „Wenn jemand damit noch etwas Gutes tun möchte, ist dagegen nichts einzuwenden.“ Wer Leichen präpariere, müsse aber in jedem Fall die Würde des Menschen achten, sagt Dirk Puder. „Sie reicht über den Tod hinaus.“ Dazu gehört für ihn auch die Trauerfeier am Ende eines Semesters. Der Mensch sei schließlich „mehr als die Summe seiner Körperteile“. Die Studierenden könnten sich vergegenwärtigen, dass das Präparat, an dem sie gearbeitet haben, einmal zu einem Menschen mit einer Lebensgeschichte gehört hat. „Und sie können Dankbarkeit zeigen.“
Dankbarkeit spürt auch Simone Brinkmann, als sie an jenem trüben Februarmorgen die Kapelle auf dem Aachener Westfriedhof betritt. Sie ist früh da und verhält sich leise, ganz dezent. Bloß nichts Falsches sagen, bloß niemanden stören, denkt sie sich. Man könnte meinen, Simone Brinkmann wäre am liebsten unsichtbar – und doch präsent. „Letztlich bin ich zur Trauerfeier gegangen“, sagt sie später, „weil ich meine Wertschätzung ausdrücken wollte – gegenüber den Toten, aber auch gegenüber den Angehörigen.“ Auf den Kapellenbänken liegen Zettel aus. Darauf eine Strophe aus dem Gedicht „Mondnacht“ von Joseph von Eichendorff: „Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus, flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus.“
Der Mensch, ein „Hammerkonstrukt“
Während der Trauerfeier denkt Simone Brinkmann darüber nach, was wohl mit den Seelen der Körperspender passiert ist. „Ich weiß es natürlich nicht, aber ich glaube und hoffe, dass ihre Seelen bei Gott sind.“ Werner Schäfer teilt diese Hoffnung nicht. Für ihn gibt es keinen Ort, an dem die Seelen weiter existieren. „Ich glaube weder an den Himmel noch die Hölle“, sagt der Witwer. Die Seelen der Verstorbenen lebten allein in der Erinnerung der Lebenden fort. Also auch in ihm. Die christliche Trauerfeier hat ihm dennoch gut gefallen. „War doch toll“, wird er später sagen. Und – wieder zuhause angekommen – einen Artikel aus der Aachener Zeitung holen, den er ausgeschnitten hat. „Menschen werden immer älter, Krebserkrankungen nehmen zu“, wird er vorlesen. „Die Entwicklung wirkungsvoller Operationen und Medikamente wird immer wichtiger.“ Er hofft, seinen Teil dazu beitragen zu können. So wie seine Frau. Ob sie eine der beiden Frauen war, an denen Simone Brinkmann das Präparieren geübt hat?
Die Medizinstudentin wird es nie erfahren. Und das ist gut so. Wichtig ist ihr, dass sie die komplexe Anatomie des Menschen kennengelernt hat. „656 Muskeln und ein 2500 Kilometer langes Netz aus Adern und Blutgefäßen – das fand ich faszinierend“, sagt sie. Und fügt leise an: „Ich denke jeden Tag: Was ist der Mensch doch für ein Hammerkonstrukt.“
Text: Thomas Becker
Fotos: Markus J. Feger

