Kirchenaustritt − ist das eine Entscheidung für immer? Die Statistik sagt Nein.

Wieder dabei!

Kirchenaustritt - ist das eine Entscheidung für immer? Die Statistik sagt Nein. Vier Menschen erzählen, was sie zum Eintritt oder Übertritt in die rheinische Kirche veranlasst hat
Aus Liebe zum Patenkind
Meine zwei Brüder und ich sind christlich erzogen worden. Nicht, dass wir jeden Sonntag in der Kirche waren. Aber so, dass wir nicht egoistisch durch die Welt laufen sollen. Nach der Schule habe ich mit einer Malerausbildung angefangen. Mit 20 Jahren hielt ich dann meine erste Gehaltsabrechnung als Geselle in der Hand. Das war ein richtiger Schreck, wie viel Geld ich durch
André Wiesner (Foto: Dominik Asbach)
André Wiesner
(Foto: Dominik Asbach)   
Kirchensteuer verliere. Da bin ich sofort aus der Kirche ausgetreten. Ich dachte: Da habe ich ja gar nichts von! Mittlerweile sehe ich: Das war vielleicht etwas voreilig. Hätte ich damals nachgedacht, dann hätte ich gemerkt, dass das Geld ja auch für nützliche Zwecke ausgegeben wird. Warum ich aber wieder in die Kirche eingetreten bin, hat einen ganz einfachen Grund: Gute Freunde von mir haben eine Tochter bekommen und mich gebeten, Pate zu werden. Ich habe wenig darüber nachgedacht und sofort zugesagt. Diese Verantwortung – sozusagen auch offiziell – zu übernehmen, ist mir sehr wichtig. Denn mir selber haben meine Paten immer gefehlt, sie waren so gut wie nie für mich da und seit zehn Jahren habe ich sie gar nicht mehr gesehen. Ich bin dann in der Ladenkirche in Mülheim wieder eingetreten. Weil ich meine Taufurkunde nicht mehr finden konnte, habe ich quasi als Beweisstücke Fotos von meiner Konfirmation mitgebracht. Mit meinem Eintritt bin ich jetzt glücklich. Mir fehlt zwar durch meine Arbeit als Selbstständiger momentan einfach die Zeit, um mich mehr in die Kirche einzubringen, aber immerhin weiß ich heute, dass meine Kirchensteuer gut angelegt ist.
André Wiesner, 37, Raumgestalter, Mülheim

Weil ich meinen Glauben wiedergefunden habe
Ich bin zwei Mal aus der Kirche ausgetreten. Und zwei Mal wieder eingetreten. Wie das kam? Ich bin in meiner Kindheit ganz normal getauft und konfirmiert worden. Während des Konfirmandenunterrichts habe ich den Glauben intensiv gelebt, auch wenn das von meiner Familie nicht so unterstützt wurde. Mit 18 Jahren habe ich dann aber mein Studium in
Sybille Koebke (Foto: Dominik Asbach)
Sybille Koebke
(Foto: Dominik Asbach)    
Mönchengladbach begonnen. Da hat sich bei mir alles geändert. Es war die Zeit der Studentenbewegung – und ich bin aus der Kirche ausgetreten. Wieder eingetreten bin ich Ende der Siebzigerjahre. Nicht, weil sich bei mir etwas geändert hätte – sondern um einen bestimmten Studienplatz zu bekommen. Als das über einen anderen Weg funktionierte, bin ich sofort wieder ausgetreten. Denn ich war in der Zeit zwar ein paar Mal in der Kirche – aber berührt hat mich das überhaupt gar nicht mehr. Schließlich bekam ich vor einigen Jahren beruflich Schwierigkeiten. Als Schulleiterin wollte ich Vieles durchsetzen, was aber nicht immer funktioniert hat. Es war keine einfache Zeit und ich habe jemanden gebraucht, der mir meine Sorgen abnimmt. Da sagte ich oft: „Gott, was hast du mit mir vor?“ Eine Freundin gab mir den Hinweis auf das „Haus der Stille“ in Rengsdorf. Sie sagte, dort könne sie immer neue Kraft finden. 2006 habe ich dort meinen ersten Einkehrkurs besucht. Erst kam ich mir ein bisschen komisch vor, zwischen all den gläubigen Menschen. Aber ich ließ mich auf alles ein. Und es entwickelte sich etwas in mir. Ich bin dann öfter im Haus der Stille gewesen und auch sporadisch in die Kirche gegangen. Und irgendwann merkte ich: Ich glaube. Und ich merkte: Ich will mich nicht nur als Nehmerin fühlen, sondern auch als Geberin. Da bin ich im Mai 2008 in der Kölner Eintrittsstelle wieder in die evangelische Kirche eingetreten. In meiner Heimatgemeinde Bensberg-Herkenrath bin ich zu meinem Pfarrer gegangen und habe gesagt: „Hallo, ich bin die Neue!“ So langsam fange ich an, in die Kirche hineinzuwachsen und bringe mich inzwischen aktiv ein. Die Gemeinschaft meiner Gemeinde beeindruckt mich immer wieder: Es gibt ein sehr gutes, sehr respektvolles und fröhliches Miteinander. Theologisch steht hier ein zugewandter, liebevoller Gott im Vordergrund – das ist mir sehr wichtig. Ich habe mich auch mit christlicher Mystik beschäftigt. Seit einem Jahr meditiere ich fast jeden Tag. Im Büro habe ich ein Kreuz aufgehängt. Mein Kollegium nimmt meine Entwicklung auch wahr: „Sie haben sich aber verändert!“ Und es ist wirklich so. Früher war immer alles ein Kampf für mich. Jetzt weiß ich: Ich muss niemanden etwas beweisen. Seit ich meinen Glauben wiedergefunden habe und in der Kirche bin, ist Frieden in mein Leben eingezogen, Frieden in mich, Frieden in meine Ehe und Frieden in meine Arbeit.
Sybille Koebke, 58, Bergisch Gladbach, Schulleiterin

Glauben hat mit Gemeinschaft zu tun
Ursprünglich war ich katholisch. Ich komme aus Bayern, da ist das kein Wunder. Meine Mutter war katholisch, genauso wie mein Stiefvater. Aber alle meine Stiefgeschwister – die waren evangelisch, durch ihre Mutter. So kam es, dass ich auch evangelische Gottesdienste kennengelernt habe. In der Pubertät war das jedoch nicht so ganz freiwillig. Da empfand ich den Wunsch meiner Eltern, dass ich in die Kirche gehen solle, eher als Zwang. In so einer Zeit revoltiert man ja auch mal gerne. Das Gefühl, dass da etwas oder jemand ist, hat mich aber nie ganz losgelassen. Irgendwann habe ich jedoch angefangen, richtig zu überlegen: Priester dürfen nicht heiraten, das
Sarah Matiaschek (Foto: Dominik Asbach)
Sarah Matiaschek
(Foto: Dominik Asbach) 
Kondomverbot – das sind zwei von vielen Themen, die mir zu eng, zu zwanghaft waren. Ich war mir nicht sicher, ob Gott das so gewollt hat. Ich habe lange gebraucht, um mich zu der Entscheidung durchzuringen, bin dann aber aus der katholischen Kirche ausgetreten. Trotzdem: Ich wollte auch zur Kirche gehören. Ich bin zwar keine große Kirchgängerin, doch Glauben hat für mich doch auch mit Gemeinschaft zu tun. Ich weiß zumindest, dass ich irgendwo hingehen kann, wenn ich das will, und Menschen da sind, die so denken wie ich. Da habe ich dann ins Internet geschaut und die Bonner Eintrittsstelle gefunden. Hier bin ich 2009 wieder eingetreten, in die evangelische Kirche, die ich ja bereits von früher kannte. Und auch wenn viele das vielleicht denken: Meine Entscheidung hat mit meiner Arbeit direkt nichts zu tun. Ich bin 2002 in die Bundeswehr eingetreten und war über sieben Jahre als Zeitsoldatin im Dienst. In der Zeit war ich zwei Mal in Afghanistan: 2005 in Kabul und 2007 in Masar-e Sharif. Im Lager gab es auch ein Kirchenzelt, wo immer ein evangelischer und ein katholischer Pfarrer anwesend waren. Ich glaube, dass bei vielen das Glaubensgefühl durch diese Extremzeit gestärkt wurde. Auch ich habe manchmal mit einem Pfarrer einen Rotwein getrunken und geredet – das hat immer gut getan. Meinen Glauben, den habe ich aber aus meiner Kindheit mitgebracht, und nicht aus Afghanistan. Einen speziellen Ort gibt es für mich nicht, den ich mit meinem Glauben verbinde. Auch wenn ich traditionelle Kirchen nicht missen will: Ich denke, dass Gott überall wohnt. Ich rede mit Gott, wenn ich spazieren gehe. Wenn ich von Bonn nach Köln zur Arbeit fahre, bete ich im Zug. Ich bete in einer ruhigen Mittagspause oder abends im Bett. Das sind dann manchmal auch nur Stoßgebete, wie: „Gott, hilf mir, dass ich das schaffe“ – aber alle diese Momente sind mir wichtig. Wenn ich auf meine Entscheidung zurückblicke, dann fühle ich mich sehr wohl. Dieses Hin- und Herüberlegen hat ein Ende. Bei meinem Eintritt habe ich eine Kerze geschenkt bekommen. Wenn ich abends am Schreibtisch sitze und arbeite, habe ich sie immer vor mir stehen.
Sarah Matiaschek, 27, Fotografin bei der Polizei Köln, Bonn

Meine Entscheidung hat 15 Jahre gebraucht
Glauben hat mit Gemeinschaft zu tun Ursprünglich war ich katholisch. Ich komme aus Bayern, da ist das kein Wunder. Meine Mutter war katholisch, genauso wie mein Stiefvater. Aber alle meine Stiefgeschwister – die waren evangelisch, durch ihre Mutter. So kam es, dass ich auch evangelische Gottesdienste kennengelernt habe. In der Pubertät war das jedoch nicht so ganz freiwillig. Da empfand ich den Wunsch meiner Eltern, dass ich in die Kirche gehen solle, eher als Zwang. In so einer Zeit revoltiert man ja auch mal gerne. Das Gefühl, dass da etwas oder jemand ist, hat mich aber nie ganz losgelassen. Irgendwann habe ich jedoch angefangen, richtig zu überlegen: Priester dürfen nicht heiraten, das Kondomverbot – das sind zwei von vielen Themen, die mir zu eng, zu zwanghaft waren. Ich war mir nicht sicher, ob Gott das so gewollt hat. Ich habe lange gebraucht, um mich zu der Entscheidung durchzuringen, bin dann aber aus der katholischen Kirche ausgetreten. Trotzdem: Ich wollte auch zur Kirche gehören. Ich bin zwar keine große Kirchgängerin, doch Glauben hat für mich doch auch mit
Steffi Krausen (Foto: Dominik Asbach)
Steffi Krausen
(Foto: Dominik Asbach)     
Gemeinschaft zu tun. Ich weiß zumindest, dass ich irgendwo hingehen kann, wenn ich das will, und Menschen da sind, die so denken wie ich. Da habe ich dann ins Internet geschaut und die Bonner Eintrittsstelle gefunden. Hier bin ich 2009 wieder eingetreten, in die evangelische Kirche, die ich ja bereits von früher kannte. Und auch wenn viele das vielleicht denken: Meine Entscheidung hat mit meiner Arbeit direkt nichts zu tun. Ich bin 2002 in die Bundeswehr eingetreten und war über sieben Jahre als Zeitsoldatin im Dienst. In der Zeit war ich zwei Mal in Afghanistan: 2005 in Kabul und 2007 in Masar-e Sharif. Im Lager gab es auch ein Kirchenzelt, wo immer ein evangelischer und ein katholischer Pfarrer anwesend waren. Ich glaube, dass bei vielen das Glaubensgefühl durch diese Extremzeit gestärkt wurde. Auch ich habe manchmal mit einem Pfarrer einen Rotwein getrunken und geredet – das hat immer gut getan. Meinen Glauben, den habe ich aber aus meiner Kindheit mitgebracht, und nicht aus Afghanistan. Einen speziellen Ort gibt es für mich nicht, den ich mit meinem Glauben verbinde. Auch wenn ich traditionelle Kirchen nicht missen will: Ich denke, dass Gott überall wohnt. Ich rede mit Gott, wenn ich spazieren gehe. Wenn ich von Bonn nach Köln zur Arbeit fahre, bete ich im Zug. Ich bete in einer ruhigen Mittagspause oder abends im Bett. Das sind dann manchmal auch nur Stoßgebete, wie: „Gott, hilf mir, dass ich das schaffe“ – aber alle diese Momente sind mir wichtig. Wenn ich auf meine Entscheidung zurückblicke, dann fühle ich mich sehr wohl. Dieses Hin- und Herüberlegen hat ein Ende. Bei meinem Eintritt habe ich eine Kerze geschenkt bekommen. Wenn ich abends am Schreibtisch sitze und arbeite, habe ich sie immer vor mir stehen. Früher gehörte ich zu den 68ern. Ich habe als junge Erwachsene gegen die herrschende Gesellschaftsordnung und die Politik gekämpft und mich dafür sogar vor Autos gelegt. In der Zeit war ich richtig auf Rebellion aus. Damals bin ich auch aus der evangelischen Kirche ausgetreten. Kirche gehörte einfach nicht zu meiner Lebenswelt und zu denjenigen, mit denen ich zu dieser Zeit zu tun hatte. Es passierten jedoch Dinge, bei denen ich anfing, nachzudenken. Die Geschehnisse um Baader und Meinhof waren da so Momente − und eine besonders eindrückliche Situation: Ich war schon verheiratet und hatte ein Kind. Ich fuhr mit dem Auto durch eine Straßenkontrolle, als plötzlich jemand ein Maschinengewehr auf mich und mein Kind richtete. Das war wirklich hart. Mit zunehmendem Alter, mit zunehmender Vernunft und auch durch meinen Beruf als Krankenschwester in der Onkologie hat sich meine Lebenseinstellung langsam geändert. Ich bin deswegen aber nicht sofort wieder in die Kirche eingetreten. Es hat allein eine ganze Weile gedauert, bis ich überhaupt wieder angefangen habe, über den Glauben nachzudenken. 1976 bin ich erst einmal mit meiner Familie von Bremen nach Neuwied gezogen. Dort hat mich die Arbeit des Pfarrers in der Neuwieder Marktkirche sehr angesprochen. Manchmal bin ich nach der Arbeit in die Kirche gegangen, einfach nur so, und habe mit ihm geredet. Dadurch und auch durch die Erfahrung mit einer Krankheit, wegen der ich heute nicht mehr arbeite, fühlte ich mich immer mehr zur Kirche hingezogen. Meine Cousine war ebenfalls eine wichtige Person auf dem Weg, mich wieder für die Kirche zu entscheiden. Sie hat mich unter anderem an unsere Familiengeschichte erinnert. Unsere Vorfahren waren Hugenotten und sind für ihren Glauben verfolgt und ermordet worden. Insgesamt hat es aber bestimmt 15 Jahre gedauert, bis ich mich wirklich entschlossen habe, wieder einzutreten. Mit meiner Entscheidung bin ich heute glücklich. Ich bin zwar keine große Kirchgängerin und auch eine aktive Beteiligung in der Gemeinde liegt mir nicht so. Sozial engagiere ich mich im Neuwieder Verein Partnerschaft Rheinland-Pfalz-Ruanda. Die Kirche ist für mich persönlich mehr ein Ort der Ruhe und der Besinnung als ein Ort der Gemeinschaft. Mein Glauben jedoch ist nicht nur an diesen Ort gebunden. Beten kann ich überall.
Steffi Krausen, 63, Krankenschwester im Ruhestand, Neuwied

Protokolle: Lina Unterbörsch Fotos: Dominik Asbach