Manchmal sind junge Mütter und Väter selbst zum Streiten zu müde

Ich hatte auch einen harten Tag

Wenn das erste Kind da ist, bersten Eltern vor Glück und Stolz. Aber schnell kommt der Beziehungsstress. Dafür sorgen Schlafmangel, Streit und Sexflaute. Doch junge Eltern können es schaffen, ein Liebespaar zu bleiben.
Während der Schwangerschaft haben sie nicht gestritten. Warum auch? Jonathan (Name geändert) war zwar nicht geplant, aber „von der ersten Sekunde an, in der wir wussten, dass ich schwanger bin, war der so was von gewollt“, erinnert sich Sabine. Ihr Freund Nick fand es „nicht verkehrt, wenn wir ein Kind kriegen“. Jonathan ist heute 18 Monate alt, wackelt herum auf krummen Beinen. Ein blonder Junge mit schelmischen blauen Augen. Ständig bringt er seine Eltern zum Lachen. Sabine und Nick sind verliebt in ihren Sohn – aber ineinander? Sie streiten ständig und im Bett läuft es auch nicht. Oft glaubt Sabine, ihre Beziehung sei nach anderthalb Jahren Elternschaft „ein Trümmerhaufen“.
 Typisch für junge Eltern, sagen Psychologen. Alles ändert sich für das Paar mit dem ersten Kind: „Nach dem ersten Kind werden sehr gute Paarbeziehungen gut, gute werden mittelmäßig und durchschnittliche werden richtig schlecht“, beobachtet Heike Mühlenbeck, Paartherapeutin in der Evangelischen Beratungsstelle für Erziehungs-, Ehe-, Familien- und Lebensfragen in Waldbröl bei Gummersbach. Ihre Erfahrung: Die Stressphase nach jeder Geburt dauert zwei Jahre.
Sabine und Nick sind mittendrin. Sie ist mit ihrem neuen Leben oft unzufrieden. Zuviel Stress, zuviel Unordnung, zuwenig Verständnis von Nick für ihre Doppelbelastung als Mutter, die das Familieneinkommen sichert. Sie verdient das Geld, er ist zu Hause. Die klassische Arbeitsteilung – mit vertauschten Rollen. Schon vier Wochen nach der Geburt jobbte Sabine zweieinhalb Stunden am Tag, nach vier Monaten fing sie auf einer Dreiviertelstelle als Sozialarbeiterin an.
Illustration: Dorothee Mahnkopf
Zuviel Stress, zuviel Unordnung,
zu wenig Verständnis vom Partner:
darüber lässt es sich trefflich
streiten
Nachts stillte sie, tagsüber pumpte sie unterwegs ab. Das zehrt an den Kräften. Nick kümmerte sich um Haushalt und Kind. Er fütterte Jonathan mit abgepumpter Muttermilch, lernte, welche Flasche sein Sohn braucht, damit er kein Bauchweh bekommt, lernte, wie er den kleinen Bauch gegen den Uhrzeigersinn massieren musste, und schuckelte ihn stundenlang durch die Wohnung, wenn er schrie. Er lernte Apfelmus zu kochen, er kaufte ein, putzte, arbeitete die Wäscheberge ab. Im Krabbel-Kurs war er der einzige Mann. Für seine Kumpel ist er „das Hausmütterchen“. Das macht ihn wütend.
Dabei hatte alles so schön begonnen. Sabine und Nick sind seit zehn Jahren zusammen, er war ihr erster Freund, sie seine erste Freundin. Sie verliebte sich in ihn, weil sie ihn witzig fand. Das findet sie heute noch. Er stand auf ihre blonden Haare und blauen Augen und fand es klasse, dass sie neben der Schule jobbte. Schon nach einem halben Jahr zogen sie zusammen. Als sie studierte, machte er sein Hobby zum Beruf und spielte in einer Band. Alles lief rund.
Heute hakt es schon bei Kleinigkeiten. Bei ihm muss Jonathan ruhig auf dem Wickeltisch liegen, bei ihr darf er stehen und rumzappeln. Bei ihm darf Jonathan nicht matschen beim Essen, sie lacht darüber. Das macht ihn noch wütender. „Du lässt dem Jonathan viel zu viel durchgehen.“
Manchmal geht der Streit ins Grundsätzliche. Sabine findet, dass sie Nick den Rücken frei hält für das Privileg, Jonathan jeden Tag hautnah erleben zu dürfen. „Sei doch froh, dass du mit ihm zu Hause bist und ihn den ganzen Tag angucken kannst.“ Nick protestiert. „Aber ich habe gar keine Zeit zu gucken. Ich arbeite auch.“ Das fällt Sabine nur nicht auf. Seine Ordnung ist ihr nicht ordentlich genug, glaubt er. Abends meckert sie, wenn ihr Chef sie genervt hat. „Ist das ein Saustall!“
Streit sei normal, beruhigt Heike Mühlenbeck Paare, deren Nerven blank liegen. Ärger werde an der Person abgearbeitet, die am ehesten greifbar sei: am Partner. Viele Paare seien erleichtert, das zu hören, sagt die Psychologin. Sie rät aber auch, gerade in dieser Phase mit der Beziehung sehr vorsichtig umzugehen – und Dauerkonflikte zu entschärfen. Typisch ist der Streit beim Nachhausekommen des berufstätigen Elternteils. Mit ihm beschäftigen sich Eltern-Ratgeber gleich über mehrere Seiten. Erste Hilfe in dieser Situation: die 15-Minuten-Auszeit für beide. Eine Viertelstunde einfach mal raus, eine Runde ums Haus. Was können Eltern noch tun? Sich auch mal loben in dieser anspruchsvollen Zeit – und sich bewusst machen: „Was haben wir schon alles geschafft!“ Sich die Erlaubnis zu geben, auch mal einen Streit zu verschieben: „Okay, wir reden an dieser Stelle nicht weiter. Heute schaffen wir das nicht mehr.“
Birgit und Manfred haben ihre Stressphase schon fast hinter sich. Birgit war schon bei 700 Geburten dabei. Die 31-Jährige ist Hebamme. Die Geburt ihrer Tochter Flora vor dreizehn Monaten war der schönste Moment ihres Lebens, sagt sie. Als sie ihre Tochter begrüßte, stand Manfred daneben, ein ruhiger, freundlicher Typ, den sie Manni nennt. Seit 15 Jahren kannte er seine Frau, aber so glücklich hatte er sie noch nie gesehen. Er hatte das Gefühl, da ist jetzt jemand, der ist noch wichtiger für sie als ich. „Ich bin da irgendwie zurückgetreten.“
Als Birgit und Manfred sich kennenlernten, war sie 15 und er 18. Sie gingen zusammen ins Kino, er roch nach Orbit-Kaugummi. Sie verliebte sich in seine braunen Augen, er verliebte sich in ihr Lachen. Die Automaten-Bilder, die sie damals gemacht haben, hat Manfred immer griffbereit liegen. Die beiden wollten das Kind.
Manfred bereitete sich mit einem „Papa-Handbuch“ vor: auf die drei Phasen der Schwangerschaft, auf die Geburt und das erste Jahr zu dritt. Hilfreich fand er die Tipps, wie man als Paar ins Gespräch zum Beispiel über die eigene Kindheit kommen kann. Sie setzten sich zusammen, guckten Fotoalben an und erzählten sich, wie sie sich das Leben mit Kind vorstellen. Sie wollten eine Hausgeburt, er hatte keine Angst davor. Sie planten das Kinderzimmer, er richtete es ein. „Als ich tapeziert habe, war mir zum ersten Mal bewusst, ich werde Vater, wir werden Eltern.“ Das war ein gutes Gefühl. Er fühlte sich gut vorbereitet.
Birgits Fruchtblase platzte fünf Wochen zu früh. Eine Tasche fürs Krankenhaus hatten sie nicht gepackt, Birgit weinte auf dem Weg in die Klinik vor Enttäuschung, dass sie ihr Kind nicht zu Hause bekommen konnte, und aus Angst vor Kaiserschnitt und Rückenmarksbetäubung. Bei der Geburt verlor sie viel Blut. Im Krankenhaus wollte sie auf keinen Fall bleiben, sie ging nach Hause. Die nächsten zwei Wochen waren schlimm. „Die grausigste Zeit meines Lebens.“ Wochenbettdepression. Zwei Wochen lang. Birgit lag im Bett und weinte. Sie konnte das Kind nicht genießen und wusste nicht, warum. Das Stillen klappte nicht. Eine Katastrophe. Als Hebamme hatte sie viele junge Eltern betreut und erlebt, wie die Hormonumstellung den Müttern zu schaffen macht, aber jetzt lag sie da und konnte sich selbst nicht helfen.
Manfred nahm drei Wochen Urlaub und kümmerte sich um alles. „Ich war nicht wütend, als sie flach lag, eher hilflos.“ Er kaufte Fläschchen, stand im Supermarkt ratlos vor dem Regal mit den vielen verschiedenen Milchpulvern und kam sich ziemlich blöd vor. Irgendwann beim Milchanrühren in der Küche dachte er: „Ich wusste, dass sich vieles verändert, aber nicht, dass sich alles verändert.“
An seine Frau kam er in dieser Zeit nicht ran, dafür war der Kontakt mit seiner Tochter umso intensiver. Er wickelte sie, fütterte und wiegte sie. Er stand nachts auf, wenn sie vor Hunger weinte. Als Birgit wieder gesund war, fing auch bei ihnen der Streit über den Haushalt an. „In der Ausbildung als Hebamme lernt man, was sich verändert“, sagt sie. „Aber Theorie und Praxis sind doch verschieden. Und es trifft einen ziemlich heftig, wenn solche Konflikte kommen.“
„Paare, die schon vorher eine gute Gesprächskultur hatten, schaffen es“, sagt Katja Buch-Bartos, Psychologin in der Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle des Diakonischen Werks im Kirchenkreis Lennep. „Wichtig ist auch eine gute soziale Einbettung.“ Paare brauchen Hilfe von außen. Gut, wenn die Nachbarn einkaufen, wenn die Freundinnen einen Gutschein schenken für 20 Stunden Putzen, wenn die Oma aufs Kind aufpasst, damit die Mutter in der Stillpause mal zum Frisör gehen kann. Und wenn andere Väter mal zum Reden vorbeikommen über das neue Vater-Leben und die Streitereien zu Hause.
Manchmal sind junge Mütter und Väter aber sogar zum Streiten zu müde. Für Sex sowieso. Die meisten Frauen fühlen sich nach der Geburt unattraktiv, fast immer verlieren sie vorübergehend das sexuelle Interesse, weiß Katja Buch-Bartos. Birgit und Manfred schliefen monatelang getrennt, weil Manfred seine Nachtruhe brauchte. Jeden Tag fährt er 80 Kilometer zu Arbeit. Dafür muss er ausgeschlafen sein. Flora lag nachts bei Birgit. Liebesleben? Fehlanzeige. Jetzt ist alles zu Ende, dachte Manfred, und das wird auch nicht mehr besser.
Auch Nick schiebt Frust. Jonathans Bett steht im Schlafzimmer. Sabine stillt ihn immer noch mehrmals am Tag und auch nachts. Irgendwann erzählte Sabine beim Müttertreff von ihrem sexuell frustrierten Mann. Der allerdings Verständnis dafür habe, dass sie noch Zeit braucht. Die anderen Mütter nickten. Ja, mein Mann hat auch Verständnis, dass bei uns nichts mehr läuft. Nick glaubt, dass sich die Frauen da ganz schön was vormachen. Von wegen Verständnis. Zwar kennt er niemanden, mit dem er über dieses Problem sprechen kann, aber er ist sicher, dass er mit seinem Frust nicht allein ist. „Ich verwette meinen Hintern darauf, dass 80 Prozent aller Männer in dieser Situation fremdgehen.“ Das macht ihn richtig sauer, dieses Gerede, irgendwann spiele sich das alles von selbst wieder ein.
Von selbst spielt sich das alles tatsächlich nicht wieder ein, sagen Therapeuten. Paare müssen und können etwas für sich tun. Zeit einplanen etwa für einen Abend auf dem Sofa, für Gespräche bei einem Waldspaziergang, für einen gemeinsamen Mittagsschlaf. Sie müssen ihre sozialen Kontakte neu sortieren. Zeit finden für Freunde und sich um gemeinsame Themen bemühen. Die jungen Eltern selbst müssen sich klar machen, was sie verbindet. Dazu gehört auch die gemeinsame Liebe zum Kind. Sich gegenseitig erzählen, wie das ist, das Leben als Eltern. Wie das war, bei der Geburt.
Wenn Nick das erzählt, ist Sabine ganz gerührt. Sie hält ihn für einen sehr guten Vater. Sie sagt es ihm nur nie. In solchen Momenten glaubt sie ganz fest an ihre Beziehung. Nick sagt: „Schon in der Schwangerschaft hat eine neue Zeitrechnung angefangen. Der Jonathan macht mich so froh, das kann ich keinem von meinen Kumpeln erzählen.“ Aber Sabine könnte er es erzählen, die würde ihn auch verstehen.
Als Manni Frust schob, machte Birgit ihm Mut. „Zusammen schaffen wir das.“ Sie bestärkten sich, anstatt sich runterzumachen. Sie überlegten sich Regeln für den Alltag und brachten Flora dazu, nachts durchzuschlafen. Sie organisierten ihr Arbeitsleben neu. Sie gab ihre feste Stelle auf, die sie zwischenzeitlich wieder aufgenommen hatte. Der Schichtdienst passte nicht zum Familienleben.
Hin und wieder arbeitet sie nun freiberuflich und erzählt jungen Eltern, was sie beim ersten eigenen Kind dazugelernt hat. Beispielsweise über den Schnuller. Von dem hat sie früher rigoros abgeraten. Heute sagt sie: „Gebt dem Kind ruhig einen Schnuller. Bevor ihr euch selbst fertig macht.“
 
Text: Judith Thies   
Illustration: Dorothee Mahnkopf