Ohne unser Engagement wäre Jan auf einer Förderschule gelandet, sagt Nicola Kupitz. Heute besucht er eine Gesamtschule (Foto: Dominik Asbach)

Wie ein Sechser im Lotto

Fünf Jahre lang hat Nicola Kupitz dafür gekämpft, dass ihr behinderter Sohn Jan eine reguläre Schule besuchen kann. Als es klappte, war die Familie überglücklich.  
In der Klasse 5a an der Essener Gesamtschule Holsterhausen verteilt die Lehrerin an diesem Morgen die korrigierten Deutscharbeiten. Die Kinder tuscheln aufgeregt. Auch Jan Kupitz ist nervös. Als der Elfjährige sein Heft aufschlägt, schaut er etwas enttäuscht. Eine Drei. Seine neugierige Sitznachbarin ruft strahlend: „Mensch, Jan, heute bin ich ja mal besser als du!“ Der schlaksige Junge runzelt die Stirn, grinst aber verlegen, als das Mädchen entschuldigend hinzufügt: „Sonst schreibst du doch immer die super Noten!“ Tatsächlich ist Jan ein guter Schüler: Auf seinem Zeugnis stehen fast nur Zweier.

Wer Jan nur flüchtig kennt, mag sich darüber wundern. Der Junge mit den dunkelblonden Haaren und dem verträumten Gesichtsausdruck gilt von Amts wegen als behindert. Diagnose: Asperger-Syndrom. Eine leichte Form von Autismus. Unter den Schülern in der 5a ist das aber kein Thema. In dieser sogenannten Integrationsklasse lernen Kinder mit und ohne Förderbedarf gemeinsam. Hinter Jan sitzt Pegah Pour- Moseh, eine 30-jährige Sozialpädagogik- Studentin. Ab und zu beugt sie sich nach vorn und spricht leise mit ihm. Sie ist Jans „Integrationshelferin“ und zeigt ihm, wie er Aufgaben anpacken kann. Den Rest schafft Jan dann meist ganz allein.

„Wenn alle Schüler so wären wie er, müssten wir uns keine Gedanken
Sozialpädagogin Pegah Pour-Moseh zeigt Jan, wie er eine Aufgabe angehen muss. Den Rest schafft er allein (Foto: Dominik Asbach)
Sozialpädagogin Pegah
Pour-Moseh zeigt Jan, wie er
eine Aufgabe angehen muss.
Den Rest schafft er allein
(Foto: Dominik Asbach)
machen“, sagt seine Lehrerin. Sie ist sich sicher: Der Elfjährige wird später einmal einen guten Abschluss machen und seinen Weg im Leben gehen.
Diese Zukunftsperspektive ist für einen Jungen wie Jan in Deutschland alles andere als selbstverständlich. Acht von zehn Kindern mit Behinderungen besuchen keine regulären Schulen, sondern Förderschulen. Dort bekommen die meisten Kinder allerdings nicht genügend Lernanreize, klagen Experten. Nur jeder zwölfte Förderschüler erreicht überhaupt einen Hauptschulabschluss. Dass Jan an diesem Morgen in der 5a der Gesamtschule Holsterhausen sitzt, verdankt er nicht etwa einer vorbildlichen Integrationspolitik, sondern seiner Mutter Nicola. Fünf Jahre lang stritt sie für ihren Sohn, prozessierte, gründete eine Elterninitiative. „Die Trennung von Behinderten und Nichtbehinderten ist ein Grundproblem unserer Gesellschaft“, sagt die 40-Jährige. „Behinderte werden von Anfang an aussortiert.“

Plätze an Regelschulen werden verlost

Nicola Kupitz arbeitet halbtags als Assistentin der Geschäftsleitung eines Unternehmens, trägt schulterlanges braunes Haar und lacht gern. Doch wenn sie von den Auseinandersetzungen mit Behörden und Schulen erzählt, wird ihre Stimme hart. „Wenn wir uns nicht engagiert hätten, wäre Jan auf einer Förderschule gelandet“, sagt sie. Dort seien die Klassen zwar kleiner, doch die Lehrer orientierten sich am niedrigsten Niveau. „Das ist für schwerst Mehrfachbehinderte auch völlig in Ordnung.“ Nicht aber für ihren Sohn Jan.

International steht Deutschland mit seinem Förderschulsystem allein auf weiter Flur. In skandinavischen Ländern, aber auch in Italien und Spanien werden fast alle Kinder mit Förderbedarf in allgemeinen Schulen unterrichtet. Kritiker sagen: Ein solches – „inklusiv“ genanntes – System mit zusätzlichen Sonderpädagogen und Integrationshelfern sei unbezahlbar. Befürworter sagen: Der Staat spart langfristig. Davon ist auch Nicola Kupitz überzeugt. „Was meinen Sie, was es kostet, wenn Kinder ohne Schulabschluss erwachsen werden?“, fragt sie Kritiker gern. „Dann leben sie vom Staat oder arbeiten für ein Taschengeld in einer Behindertenwerkstatt.“

Aufwind erhält die Diskussion um ein inklusives Schulsystem durch die UN-Behindertenrechtskonvention, die seit 2009 in Deutschland geltendes Recht ist. Sie fordert, dass alle Menschen Zugang zu regulären Schulen und allgemeiner Bildung haben. Doch der Weg dorthin ist noch weit. Wie in Essen gibt es in vielen Städten immer noch nicht genügend Plätze für Kinder mit Förderbedarf an weiterführenden Regelschulen. Dietmar Klinke, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises Essen, schätzt den Bedarf in der Ruhrgebietsstadt auf durchschnittlich 30 bis 60 Plätze pro Jahr. Das Angebot liegt deutlich darunter, sei „sehr unzureichend“, klagt der kirchliche Experte. Die wenigen Plätze werden unter den Antragsstellern verlost. Die Chance auf optimale Bildung – reine Glückssache.

Für Nicola Kupitz stand schon früh fest: Mein Sohn soll diese Chance bekommen. Der Kampf dafür begann bereits, als Jan noch den Kindergarten besuchte. Erzieherinnen stellten bei ihm auffälliges Verhalten fest. „Wenn sie die Gruppe aufforderten, etwas zu tun, hat Jan sich nicht persönlich angesprochen gefühlt“, erinnert sich Nicola Kupitz. Um Aufgaben zu erledigen, brauche er meist eine direkte Ansprache. „Er kann in den Gesichtern von Menschen nicht gut die Emotionen ablesen und Situationen nicht intuitiv richtig erfassen.“ Nach einem medizinischen Test sagten die Ärzte jedoch zu Nicola Kupitz: „Ihr Kind ist normal intelligent. Lassen Sie nicht zu, dass man es auf eine Förderschule schickt!“

Der Kampf um einen Integrationshelfer

Eine weitere Untersuchung sollte Jans sonderpädagogischen Förderbedarf klären. Sie fand in einer Förderschule statt. Während Mutter und Sohn vor dem Untersuchungsraum warteten, beobachtete Jan die Schulkinder. „Mama“, sagte er entrüstet, „du willst mich doch nicht etwa hierher schicken?“ Die Sonderpädagogen empfahlen Jans Eltern, den Jungen auf eine Förderschule zu schicken – oder auf eine Regelschule mit Integrationshelfer. Für Nicola Kupitz und ihren Ehemann war die Entscheidung klar. Beim Behindertenreferatder Evangelischen Kirche in Essen beantragten sie einen Integrationshelfer. Das Referat bündelt unter dem Motto „Aktion Menschenstadt“ Initiativen und Projekte für Menschen mit Behinderung. Dazu gehört auch die Vermittlung von Integrationshelfern, die von der Stadt bezahlt werden.

Die Hoffnung, für Jan die optimale Unterstützung gefunden zu haben, währte jedoch nur kurze Zeit. Die Stadt Essen erlaubte Jan zwar den Besuch einer regulären Grundschule, aber aus dem versprochenen Integrationshelfer wurde nichts. „Bei der schulärztlichen Begutachtung sagte man uns lapidar: ,Der trägt seinen Kopf ja gar nicht unter dem Arm‘, erzählt Nicola Kupitz. Sie wird heute noch wütend, wenn sie daran denkt. Einen Tag vor seinem ersten Schultag habe die Stadt Jan den Integrationshelfer entzogen, sagt sie. Die Eltern waren fassungslos – und verklagten die Stadt Essen. Während der Prozess lief, kämpfte sich Jan an der Grundschule allein durch. „Mehr schlecht als recht“, sagt Nicola Kupitz rückblickend. Doch Mutter und Sohn wollten nicht aufgeben. „Wir haben den Stoff des Unterrichts zu Hause nachgearbeitet.“

Zweieinhalb Jahre später die Erlösung: In einer vom Gericht angeordneten Untersuchung in der Jugendpsychiatrie diagnostizierten Ärzte bei Jan das Asperger- Syndrom. Damit stand fest: Jan hat das Recht auf einen Integrationshelfer. „Ab diesem Moment hat er einen Quantensprung in der Grundschule gemacht“, erzählt Nicola Kupitz. Doch der Kampf um eine „normale“ Schulkarriere war damit nicht zu Ende. „Das größte Problem sind nicht die Grundschulen, sondern die weiterführenden Schulen“, sagt Jans Mutter. Weil in Essen Plätze an Regelschulen fehlen, gründete sie zusammen mit anderen Eltern die Initiative „Zukunftswerkstatt Gemeinsamer Unterricht“. „Eltern von behinderten Kindern sind oft Einzelkämpfer“, sagt Nicola Kupitz. „Gemeinsam wollen wir mehr Druck ausüben.“ Die Initiative schrieb Essener Schulen an – und brachte gleich zwei Hauptschulen dazu, zehn neue Plätze für behinderte Kinder zu schaffen. Dennoch zitterte die Familie bis zum Schluss, ob die Plätze ausreichen würden. „Als Jan auf der Gesamtschule Holsterhausen angenommen wurde, war es für uns wie ein Sechser im Lotto“, sagt Nicola Kupitz strahlend.

„Nie läuft irgendetwas glatt“

Zu den Gründungsmitgliedern der Essener Initiative gehört auch Andrea Meth. Die 40-jährige Hausfrau trägt die blonde Mähne locker hochgesteckt. Wenn ihr etwas nicht passt, sagt sie das. Ihre Tochter Elena kam mit der Glasknochenkrankheit zur Welt. Ärzte erklärten das Mädchen mehrfach für nicht lebensfähig, doch Elena besitzt eine Kämpfernatur. Heute ist sie zehn Jahre alt, aber nur 75 Zentimeter groß. Weil ihre Knochen so schnell brechen, ist sie auf einen speziellen Rollstuhl angewiesen. Schwere Dinge zu bewegen, ist für sie tabu. „Ich merke immer wieder, dass viele denken: Rollstuhl gleich blöd“, sagt ihre Mutter.

Dass das nicht stimmt, beweist Elena Meth, die die vierte Klasse einer Essener Grundschule besucht, mit guten Noten. „Sie ist sehr ehrgeizig“, sagt ihre Integrationshelferin Fabienne Trieb. Die 23-jährige Kinderpflegerin hilft Elena bei allem, was körperlich zu schwer für sie ist. Als es an diesem Morgen zur Pause klingelt, schauen sich beide kurz an, Elena schüttelt ihren Blondschopf. Fabienne Trieb weiß nun: Elena will allein in die Pause rollen. „Sie hat hier viele Freundinnen und will mich nicht immer überall mit dabei haben.“ Normal für ihr Alter eben.

Gerade weil sich Elena als normales Mädchen fühlt, fällt es ihr schwer, für diese Normalität ständig kämpfen zu müssen. „Nie läuft irgendetwas glatt, immer ist alles ein Riesenproblem“, sagt sie genervt. Als Elena – unterstützt von ihrer Mutter – an alle weiterführenden Schulen in Essen eine persönliche E-Mail schickte, lautete die häufigste Antwort: Tut uns leid, wir haben leider nicht die Möglichkeit, Rollstuhlkinder aufzunehmen. Begründung: Es man gelt an baulichen Voraussetzungen wie Aufzügen. Selbst an der integrativen Gesamtschule, die Jan Kupitz besucht, haben Kinder im Rollstuhl deshalb keine Chance. „Das ist doch nicht zu fassen“, sagt Andrea Meth aufgebracht. „Überall in den öffentlichen Gebäuden gibt es Aufzüge, nur an den Schulen nicht.“

Doch die 40-Jährige ließ sich nicht entmutigen und bohrte weiter. Schließlich erklärte sich ein Gymnasium bereit, ihre Tochter aufzunehmen. Auch weil sich Elenas Klassenlehrerin eingeschaltet hatte. „Sie hat sich sehr für uns eingesetzt und bei den Kollegen am Gymnasium Überzeugungsarbeit geleistet“, sagt Andrea Meth. „Als Elternteil kann man Bedenken nur sehr schwer ausräumen. Viele denken ja, dass man vielleicht eine viel zu positive Sicht auf das eigene Kind hat.“

In Essen ist ein Anfang gemacht

Jan Kupitz und Elena Weth haben es geschafft. Sie hatten Glück, dass ihre Mütter genug Zeit und vor allem Energie aufbrachten, um für sie zu kämpfen. Viele andere Schüler haben dieses Glück nicht. Anfang Mai teilte die Stadt Essen mit, dass nur 15 von 30 Kindern, deren Eltern einen Antrag auf gemeinsamen Unterricht an einer weiterführenden Schule gestellt haben, im kommenden Schuljahr einen Platz bekommen. Die anderen werden gegen ihren Willen Förderschulen besuchen. Dennoch hat sich in Essen schon etwas bewegt. Ein Anfang ist gemacht. Nicola Kupitz und Andrea Meth sind froh darüber. Und die beiden Mütter sind entschlossen: „Wir kämpfen weiter.“

Text: Lina Unterbörsch
Fotos: Dominik Asbach