Heimat (Foto: Photocase.com)

Lust auf Heimat

Der jahrzehntelang mit Enge, Foklore und Spießigkeit verbundene Begriff Heimat erlebt eine Renaissance. Warum es Menschen wichtig ist, sich irgendwo zu Hause zu fühlen.  
Was bewegt einen Menschen dazu, von seinem Wohnort 500 Kilometer in die Stadt seiner Kindheit zu wandern – zu Fuß, allein und durch die tiefste Provinz? Ist es der Wunsch, sich selbst herauszufordern oder ist es, um einfach mal etwas Verrücktes zu tun? Weder noch. Der Journalist Tobias Zick macht sich mit Anfang 30 auf eine eigenwillige Suche nach Heimat. Diesem seltsamen, schwer zu beschreibenden Gefühl, das mal durch einen Geruch oder ein Geräusch, mal durch einen Ort oder eine Landschaft ausgelöst wird, die die Erinnerung prägen.

Zick läuft von seinem damaligen Wohnort Hamburg ins hessische Eschborn, die Stadt seiner Kindheit. Der Ort, der für ihn Heimat ist. In seinem Buch „Heimatkunde“ dokumentiert er seine Erlebnisse auf dem Weg dorthin. Er erzählt vom Wandern, vom Leben in den kleinen Dörfern entlang des Weges und immer wieder von Heimat. Davon, was sie den Menschen bedeutet, denen er begegnet und was er selbst darüber denkt. Davon, welche wesentliche Rolle sie im Leben eines jeden spielt.

Die Welt ist unübersichtlich geworden

Das bestätigt auch eine Umfrage des Emnid-Instituts: Für neun von zehn Frauen und Männern in Deutschland ist Heimat wichtig. Für jeden zweiten Bundesbürger hat ihre Bedeutung sogar in den letzten Jahren zugenommen. Der jahrzehntelang mit Enge, Folklore und Spießigkeit verbundene Begriff erlebt eine Renaissance. Fast könnte man sagen, Heimat liegt im Trend. Denn die Welt, in der Menschen heute leben, ist unübersichtlich und anonym geworden. In Zeiten von Globalisierung und Wertewandel, kulturellen Veränderungen und finanziellen Unsicherheiten sehnen sich die Menschen danach, sich irgendwo zu Hause zu fühlen.

Deutschland-Fähnchen an den Autos, T-Shirts mit einem Aufdruck der eigenen Vorwahl und neu aufkommende Heimatmagazine beweisen das. Plötzlich ist es nicht mehr uncool, seine Stadt, seine Traditionen und sein Land zu lieben. Auch Dialekte sind wieder im Kommen. Wo es in der Vergangenheit galt, die eigene Herkunft durch perfektes Hochdeutsch zu kaschieren, wird wieder geschwäbelt, Sächsisch und Platt gesprochen. Statt weltmännisch aufzutreten, zeigen die Menschen lieber: Hier komme ich her – und ich komme gern hierher.

Heimat wird wertvoll, wenn sie fehlt und entbehrt werden muss

Doch was genau ist Heimat überhaupt? Dieses ureigene deutsche Wort, das im Englischen keine wirkliche Entsprechung findet. Ist es ein Ort auf der Landkarte? Eine Erinnerung? Oder sind es Menschen, die einem ein Gefühl von Heimat schenken? Die Familie und enge Freunde? Das zumindest sehen 88 Prozent der Befragten der Emnid-Studie so. Es kann aber auch der Wohnort oder der Geburtsort sein, eine Region, in der man sich auskennt oder am längsten gelebt hat, die Muttersprache, der Glaube an Gott oder die Kirchengemeinde. „Heimatgefühl“, sagt Jürgen Klinsmann, ehemaliger Trainer der Fußball-Nationalmannschaft und viele Jahre in den USA wohnhaft, „das ist eine Vertrautheit, eine Geborgenheit, die aus der Kindheit kommt.“ Heimat speist sich aus Erinnerungen. Und Heimat wird meist erst dann richtig wertvoll, wenn sie fehlt, entbehrt werden muss und vermisst werden kann.

„Erst die Fremde lehrt uns, was wir an Heimat besitzen“, schrieb schon der Schriftsteller Theodor Fontane im 19. Jahrhundert – in einer Zeit als sich der Begriff mit dem aufkommenden Nationalgefühl verband. Ursprünglich war das Wort „Heimat“ nur ein Rechtsbegriff. Wer im Mittelalter Heimatrecht in einer Gemeinde besaß, der hatte viele Privilegien. Er durfte sich in einer Siedlung niederlassen, seinem Handwerk nachgehen und hatte finanzielle Unterstützungsansprüche. In der Epoche der Romantik (1795 bis 1848) änderte sich die Bedeutung des Wortes dann. „Heimat“ wurde zum Gegenbegriff zur napoleonischen Besetzung, zur Industrialisierung und Naturzerstörung. Viele deutsche Dichter setzten sich literarisch mit ihrer Heimat auseinander. Eine eigene Gattung, die „Heimatdichtung“, entstand. Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Begriff zunehmend politisiert und instrumentalisiert. Zur Zeit des Deutschen Reichs wurde er gleichgesetzt mit Vaterland und Nation. Später missbrauchten ihn die Nationalsozialisten für ihre „Blut- und Boden“-Ideologie. Heimat wurde zu etwas, was Ausschluss für alle Nicht-Deutschen bedeutete. In den Fünfzigerjahren dann versuchte der „Heimatfilm“ den Begriff wieder positiv zu wenden und die Menschen im tristen Nachkriegsdeutschland zumindest für 90 Minuten in eine heile Welt zu versetzen.

Der Heimatbegriff hat sich von seiner räumlichen Bedeutung gelöst

Für Menschen heute hat „Heimat“ viel mit Identität zu tun. Der Begriff hat sich von seiner räumlichen Bedeutung gelöst, beobachtet der Kulturanthropologe Professor Thomas Hengartner. Er spricht von einem individuellen Vorgang der „Beheimatung“. Menschen setzen sich in Beziehung zu ihrem Wohnort, zu den eigenen vier Wänden, zum Freundeskreis, zur Nachbarschaft und zur Familie. Beheimatung wird zu einer Strategie, mit der sie die Herausforderungen der Gegenwart zu bewältigen versuchen.

Auch das Verständnis von Kirche als Heimat hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Die Ortsgemeinde ist nicht mehr der Mittelpunkt des räumlichen und sozialen Lebens und sie strukturiert nicht mehr die Alltags- und Festtagskultur der Menschen wie noch vor 50 Jahren. Doch darin liegt auch eine Chance. Die Kirche kann den Menschen bei ihrer individuellen Beheimatung helfen. Sie bietet Gemeinschaft und einen Raum des Angenommen-Seins. Die Feste des Kirchenjahres und Rituale wie Taufe, Konfirmation und Hochzeit stiften Sinn und Vergewisserung. Menschen fühlen sich bei Gott zu Hause. Die Suche nach Heimat führt Menschen an verschiedene Orte. Sie kann zurück in die Vergangenheit gehen, wie bei Tobias Zick, der zum Ort seiner Kindheit wanderte. Sie kann auch nach vorn gerichtet sein – in die Fremde, die zur neuen Heimat wird. „Zur Heimat des Menschen gehört, dass er im Aufbruch lebt“, sagt Wolfgang Huber, ehemaliger Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. „Gott zieht mit den Suchenden und ermutige die Fragenden.“ Solche Aufbrüche kennt jeder. Erzwungene oder freiwillige. Auf der Suche nach Arbeit oder der großen Liebe.

Im Laufe seines Lebens kann ein Mensch so viele Heimaten gewinnen. Und die Gelassenheit, Menschen mit einer anderen Heimat und kulturellen Identität zu akzeptieren.


Text: Simone Rüth