Engel - sie behüten und begleiten in schwierigen Lebenslagen, lassen Gottes Nähe und Gegenwart erfahren

Ein Engel, der mich beschützt

Sie behüten und begleiten in schwierigen Lebenslagen, lassen Gottes Nähe und Gegenwart erfahren
Mein persönlicher Bodyguard           
Engel sind für mich eine sehr wichtige Brücke zwischen Gott und den Menschen. Sie sind für mich nichts Abstraktes. Dass jeder einen persönlichen Schutzengel hat, glaube ich nicht unbedingt. Aber ich glaube an Engel, die mir helfen, wenn ich es brauche. Gott ist es, der die Engel schickt. Einmal bin ich zu einer Straßenbahnhaltestelle gelaufen. Ganz unbedacht wollte ich die Gleise überqueren. Da wurde ich von hinten gezogen, und die Bahn, die ich nicht gesehen hatte, rauschte knapp an mir vorbei. Ich war fest davon überzeugt, dass mich jemand an der Schulter gepackt und gezogen hat. Ich habe mich umgedreht, wollte mich bedanken, aber da war niemand außer mir an der Haltestelle. Das war wirklich eine Engel-Erfahrung.
Rodin Mushela, Dolmetscher und Chorsänger, Duisburg, 40 Jahre (Foto: Andre Zelck)
Rodin Mushela,
Dolmetscher und
Chorsänger, Duisburg,
40 Jahre
(Foto: Andre Zelck)   
Immer, wenn ich Gleise oder eine Bahn sehe, muss ich daran denken. Das hat auch mit meinem Glauben zu tun, dass ich mich damals von einem Engel bewahrt gefühlt habe.     
Zu Hause habe ich einen kleinen Bronzeengel. Mein Gemeindepfarrer hat ihn mir geschenkt, als ich mal wieder ins Krankenhaus musste. In den letzten Jahren wurde ich mehrfach an den Armen operiert. Der Engel war immer mit dabei. Und jedes Mal hatte ich vor der Operation das Gefühl, dass ich getragen werde. Dass eine übermächtige Kraft neben mir steht. Dass mir meine Angst genommen wird. Wenn ich unterwegs bin und mich nicht so gut fühle, stecke ich den Engel in die Hosentasche. Das beruhigt mich. Wenn ich zu Hause bin, steht er neben meinem Bett. Ich denke dann, dass er meine Familie beschützt. Er ist so etwas wie mein persönlicher Bodyguard.      Wenn ich anderen Menschen helfe, kann ich für sie zum Engel werden. Als Dolmetscher für Flüchtlinge habe ich manchmal  Menschen die Angst nehmen können oder ich konnte jemanden finanziell unterstützen. Menschen können versuchen, wie Engel  zu sein. Dann sind für mich die Grenzen zwischen Engeln und Menschen fließend, auch wenn Engel etwas Göttliches haben.     
Mich fasziniert der Erzengel Gabriel, weil er Kraft und Autorität ausstrahlt, aber auch Demut. Ich glaube, dass er die Oberaufsicht  über alle Engel hat. Allein sein Name ist für mich beeindruckend: Erzengel Gabriel. Das hat etwas von Festigkeit, von Macht. Ich denke, dass er der Wächter vor dem Paradies ist. Ich stelle ihn mir nicht unbedingt als Mann vor. Er kann verschiedene Gesichter  annehmen. Auf jeden Fall ist er gerecht. Er hat Jesus den Weg bereitet, hat ihn beschützt, ihn begleitet, von Anfang an. Er  hat dafür gesorgt, dass Jesus die Werke Gottes tun konnte.     
Wenn ich so darüber nachdenke, bin ich überrascht, was mir alles zu Engeln einfällt. Obwohl in der Bibel gar nicht so viel über  sie steht. Aber ich glaube, das liegt daran, dass die Vorstellung von Engeln viel mehr Raum für eigene Gedanken lässt. Von ihnen kann sich jeder ein eigenes Bild machen.            Rodin Mushela, Dolmetscher und Chorsänger, Duisburg, 40 Jahre      

Öffnen Engel die Tür zu tiefer Spiritualität? 

chrismon plus rheinland: Herr Mann, sind Engel esoterischer Humbug oder sinnvoller      Teil evangelischer Spiritualität? 
Pfarrer Andreas Mann: Es gibt kommerzielle Auswüchse der Engelmode, die ich schwierig      finde. Sie transportieren eine verkitschte und verniedlichende Engelvorstellung, die nicht den biblischen Engeln entspricht. Engel ermöglichen mir einen neuen, anderen Zugang zu Gott.     

Glauben Sie an Schutzengel?
Ich glaube nicht an einen persönlichen Schutzengel. Sehr wohl glaube ich aber, dass wir in unserer materiellen Welt von einer anderen Welt umgeben sind. Selbst die Naturwissenschaften sind von dem früheren, mechanistischen Weltbild abgerückt. Ich bin fasziniert von Ideen in der Quantenphysik, dass diese Welt nur ein Schatten der tatsächlichen Welt ist. Realität ist viel mehr als das, was wir sehen können. Davon bin ich überzeugt. Und die Engel  sind Teil dieser unsichtbaren Welt. Wie ich Gott erfahre, kann ich durchaus mit      dem Symbol der Engel ausdrücken, in  Form von Wegweisung, von Zuspruch, von   Warnung. Das sind alles Kräfte, die mich begleiten, mich fordern und fördern.     

In Ihrer Gemeinde gibt es zum wiederholten Mal einen Internationalen Engeltag. Wie kam es dazu?     
Mit dem Reden über Engel können Themen angesprochen werden, die im Gemeindealltag      sonst selten vorkommen. Besonders über Erfahrungen von Schutz, Trost und Bewahrung lässt sich mit Hilfe der Engel leichter reden. Anfangs haben wir nur einen Engelmarkt veranstaltet, der großen  Anklang fand. Jetzt haben wir noch eine  „Nacht der Engel“ hinzugenommen, in der  es mehr um die meditative Begegnung mit Engeln geht. Wir sammeln bei unserem      nächsten Engeltag auch wieder Spenden für unsere Partnergemeinde im West-Kongo. So können wir für die Menschen dort auch zu einer Art von Engel werden.     

Hat sich Ihre Gemeinde durch die Beschäftigung mit Engeln verändert?      Gotteserfahrung jenseits des religiösen Dogmas – das ist, was die Menschen suchen und das kann trainiert werden. Allmählich fangen die Menschen in unserer  Gemeinde an, ihre Erfahrungen mit Engeln in Worte zu fassen. Denn es ist nicht leicht, über Engel zu reden. Das ist so, wie eine Fremdsprache zu sprechen. Menschen aus unserer  Gemeinde möchten diese Sprache aber gerne lernen. Und diese Sehnsucht, eine Sprache zu finden für ihre Erfahrungen, wird bleiben, auch wenn die Mode mit Diddl-Engeln und Püttchen längst wieder vorbei ist. Außerdem sind Menschen zu Gemeindeveranstaltungen gekommen, die jahrelang nicht in der Kirche waren.     

Können Engel Türen öffnen zu einer tieferen Spiritualität?     
Durch die Engel kommt der oft unverständliche, schwierige Gott den Menschen wieder näher. Engel können wie Türen sein, die normalerweise geschlossen sind. Wer sollte diese Türen öffnen, wenn nicht die Kirche? Wer sollte sonst von dieser unsichtbaren Welt reden, wenn nicht wir Christen? Bei jedem zweiten, dritten Trauergespräch erzählen mir Menschen Dinge,      die mit den herkömmlichen Naturwissenschaften nicht zu erklären sind. Letztlich geben wir doch als Kirche den Menschen ihre eigene Erfahrungswelt zurück, wenn wir das Sprechen über Engel zulassen und einüben.     

Andreas Mann ist Pfarrer in Duisburg-Walsum-Aldenrade               
Text: Katrin Keita Fotos: Andre Zelck