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Mein Kirchgang

Samstag, 18 Uhr, Dreifaltigkeitshaus, Koblenz-Karthause
Poppige Gitarrensounds, Schlagzeug- und Keyboardklänge erfüllen den Gottesdienstraum des Dreifaltigkeitshauses. Der Chor stimmt lautstark und fröhlich in die Melodie ein. So schwungvoll fängt der Gottesdienst in der evangelischen Kirchengemeinde Koblenz-Karthause nicht immer an. An diesem Abend bietet er eine Premiere: Ein Projektchor führt Teile des Musicals „Noch einmal Kapernaum“ auf. Die rund 50 Sängerinnen und Sänger kommen aus verschiedenen Hunsrück-Gemeinden. Den ganzen Tag haben sie im Dreifaltigkeitshaus geprobt, zum Dank für die Gastfreundschaft zeigen sie Ausschnitte des Stücks, das im Sommer aufgeführt werden soll. Das Musical habe ich schon einmal gesehen. Aber nicht in so mitreißender Form. Spontan swinge ich auf meinem Stuhl mit. Die Gemeinde reagiert verhalten. Nach dem ersten Lied herrscht Unsicherheit: Darf man klatschen? Noch bleibt es still, doch schon das nächste Stück erhält den verdienten Beifall. Nach einem weiteren Lied folgen Schriftlesung, Predigt, Abendmahl, Segen. Dezent werden meditative Elemente eingestreut, Anleihen aus den Gebetszeiten der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé: Der Lesung folgt eine Zeit der Stille, die Gemeinde singt Lieder mit einprägsamen Texten, jeder Besucher zündet eine Kerze an. Sie verwandeln den Raum in ein Lichtermeer. Nach dem spritzigen Auftakt wird die Stimmung feierlich-getragen. Beides ist schön. Der Wechsel erscheint mir aber etwas abrupt und gewöhnungsbedürftig. Ich frage mich, ob mich die vielen unterschiedlichen Eindrücke verwirren würden, wenn ich Musical und Taizé-Gottesdienste nicht kennen würde. Die Predigt von Pfarrer Ralf-Dieter Gregorius zerstreut diese Sorge. Er bezieht sich auf den Inhalt des Musicals und verbindet so die beiden Elemente. Das Experiment gelingt: Der Gottesdienst wird zu einer stimmungsvollen Abwechslung für regelmäßige Kirchgänger und zum Erlebnis für Menschen, die selten Gottesdienste besuchen. Das Schlusslied aus dem Musical beendet den Gottesdienst. Von der anfänglichen Zurückhaltung der Gemeinde ist nichts mehr zu spüren: Unter tosendem Beifall verlassen Chor und Pfarrer den Saal.

Text: Simone Rüth
Foto: Thomas Frey