Das Gehirn zollt dem Alter Tribut: Demente reden über Dinge, die andere nicht nachvollziehen können (Foto: Dominik Asbach)

Auf einmal wurde Klara wunderlich

Paare verbringen ihr ganzes Leben miteinander,  teilen Tisch und Bett. Dann wird ein Partner dement und taucht ab in seine eigene Welt. Was bleibt da von der Liebe?
Klara  Wagenscheidt* (Name von der Redaktion geändert) macht sich schick. Sie steigt in den hellen Rock, zieht die  leuchtend gelbe Bluse an, darüber noch der leichte Mantel – fertig.  Die 83-Jährige öffnet die Wohnungstür, geht langsam die Treppenstufen  im Flur des Duisburger Mehrfamilienhauses hinab.  Wenn sie ins Freie tritt, steht ihr Mann Walter schon auf dem  Balkon. Er sieht dann, wie Klara ein paar Schritte geht und stehen  bleibt. Sie wartet auf die Straßenbahn. Denn sie will zur Arbeit,  nach Düsseldorf. Doch die Haltestelle der Straßenbahn existiert nicht mehr: Seit zehn Jahren fährt die Linie 79 nicht mehr durch die Straße vor Klaras Haus. Und auch ihren Schreibtisch in Düsseldorf  gibt es nicht mehr. Als Sekretärin hat sie dort in den Fünfzigerjahren Sitzungsprotokolle geschrieben, Briefe formuliert. Sie denkt, es wäre gestern gewesen.

„Ach Klara“, sagt Walter leise. Der 83-Jährige zieht sich eine Jacke  über und
Die Beziehung ändert sich: Das Paar gibt es nicht mehr, das Verhältnis ist wie zwischen Mutter und Kind (Foto: Dominik Asbach)
Die Beziehung ändert
sich: Das Paar gibt es
nicht mehr, das Verhältnis
ist wie zwischen Mutter
und Kind
(Foto: Dominik Asbach) 
 geht zu seiner Frau hinunter. „Komm, wir gehen ein  Stück spazieren“, fordert er sie auf. Er hält ihr den Arm hin, lächelt  sie an. Klara hakt sich ein. Dann dreht das Paar eine Runde durch  den angrenzenden Park. Sie treffen Nachbarn, halten Schwätzchen,  tauschen sich über das Wetter aus. Dann kehren sie zurück  in ihre Wohnung. Bis dahin weiß Klara Wagenscheidt nicht mehr,  dass sie nach Düsseldorf wollte.

Die 83-Jährige leidet an Demenz. Das Wort stammt aus der lateinischen Sprache. Es bedeutet so viel wie „Der Geist ist weg“.  Das Gehirn zollt dem Alter Tribut: Das Gedächtnis lässt nach, das  Sprachvermögen sinkt. Logisch und abstrakt zu denken, fällt immer  schwerer. In Deutschland sind etwa 1,2 Millionen Menschen über 60 Jahre betroffen. Ihre Zahl wird sich Expertenschätzungen  zufolge bis zum Jahr 2040 verdoppeln.

Das Demenzrisiko steigt mit dem Alter

Bei Klara machte sich die Demenz erstmals vor 13 Jahren bemerkbar. „Sie wurde am Magen operiert, danach hat sie sich wunderlich verhalten“, erinnert sich Walter Wagenscheidt. Klara war damals 70 Jahre alt. „Je älter der Mensch wird, umso höher ist die  Wahrscheinlichkeit einer Demenzerkrankung“, sagt Ralf Kraemer, Referent für Altenhilfe der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. Er ist sich sicher: „In Zukunft wird fast jeder einen Erkrankten  in seiner Familie, in der Nachbarschaft oder im Freundeskreis haben.“

Umso wichtiger sei es zu lernen, mit der Krankheit und  ihren Symptomen zu leben. Das heißt für Kraemer vor allem zu akzeptieren, „dass sich Menschen in unserer Mitte nicht mehr ordentlich anziehen, dass sie das Essen mit Messer und Gabel verlernen oder plötzlich über Dinge reden, deren Zusammenhang wir nicht nachvollziehen“. Das auszuhalten, fällt schon Kindern schwer, die sich um ihre dementen Eltern kümmern. Wie aber geht es Frauen und Männern,  deren Partner nach 30, 40 Ehejahren zu Fremden im eigenen  Bett werden? Was wird dann aus der Liebe?

An diesem Nachmittag sitzt Walter Wagenscheidt mit seiner Frau am Wohnzimmertisch. „Was ist in der Kanne?“ fragt sie.  „Schwarzer Tee“, erklärt er. Und dabei hatte sie ihm noch geholfen, den Tisch für den Besuch herzurichten. Hatte die zarten, weißen Teetassen platziert, die Schale mit dem braunen Kandis geholt, die Servietten mit den blauen Blümchen neben die Teller gelegt. Jetzt sitzt sie auf dem Sofa und schlägt die Hände vors  Gesicht. „Alles Unsinn, alles Unsinn“, murmelt sie. Sie kann den  Gesprächen der Gäste nicht folgen, ahnt vielleicht, dass auch sie  Inhalt der nachmittäglichen Plauderei ist. „Du hast deine schönen  Ringe an“, sagt Walter Wagenscheidt. Immer wieder bezieht er seine Frau in das Gespräch mit ein, schaut sie an und richtet das Wort an sie. „Du warst ja auch immer berufstätig. Konntest dir  den schönen Schmuck leisten.“

Seine Frau nimmt die Hände vom Gesicht, goldene Ringe trägt sie, verziert mit kleinen, funkelnden  Steinen und Ornamenten. „Ach, das geht doch keinen was an“, schnaubt sie und schüttelt den weißhaarigen Kopf. Mit dem trotzigen  Blick eines eigensinnigen Kindes schaut sie in die Runde. „Alles Quatsch, das hör’ ich mir nicht länger an!“, ruft sie aus und  verlässt das Zimmer.

Walter Wagenscheidt bleibt sitzen. Ganz ruhig bleibt er. Ihren  Ausbruch nimmt er nicht persönlich. Warum sollte er sie dafür  tadeln? „Sie ist doch krank, kann nichts dafür.“ In der Küche klappert es, dann kommt Klara Wagenscheidt wieder. Sie setzt sich auf  das Sofa, ihre Hände mit den goldenen Ringen faltet sie im Schoß. Sie hat eben ihren eigenen Willen. Den hatte sie schon immer  – und genau das hatte ihm von Anfang an so an ihr gefallen.

Oft erkennt sie ihren Mann nicht mehr

Zum ersten Rendezvous trafen sich Klara und Walter vor mehr als 40 Jahren in einem Düsseldorfer Restaurant. Sie hatten durch eine Zeitungsannonce zueinandergefunden. „Es gefiel mir, dass sie so  lebendig war“, sagt Walter. „Sie wusste viel und man konnte mit  ihr über alles Mögliche reden.“ Er wollte eine selbstständige Frau,  eine gleichberechtigte Partnerin. An diesem Abend im llhaus  spürte er, dass Klara die Richtige ist: „Sie war eine Frau, die wusste,  was sie wollte.“ 

Das weiß sie bis heute. Und er findet das gut. Sie kann auch anziehen,  was sie möchte. Schließlich legte sie ein Leben lang Wert  auf ihr Äußeres. „Marineblau, das war ihre Lieblingsfarbe“, sagt  Walter. Doch die mag sie inzwischen nicht mehr. Also hat er den  tiefblauen Rock, den er ihr gekauft hatte, wieder umgetauscht.  „Wenn sie lieber einen roten Rock zur gelben Bluse tragen will,  dann ist das in Ordnung“, findet er. Er redet ihr nichts aus, widerspricht  ihr nicht. Konfrontiert sie auch nicht mit grausamen  Wahrheiten. Zum Beispiel der, dass ihre Eltern schon vor Jahren  gestorben sind. Dabei will sie doch ganz oft zu ihnen, wird nervös,  läuft herum und möchte heimkehren in das kleine Dorf im Brandenburgischen,  in dem sie aufgewachsen ist. „Schau doch mal  raus“, sagt er dann, „es regnet in Strömen.“ Dass sie bei diesem  Wetter nicht verreisen können, sieht Klara ein. 

„Unsere Beziehung war immer von einer großen Toleranz geprägt“,  sagt Walter Wagenscheidt. „Nie brauchte sich einer von  uns beim anderen für seine Wünsche oder sein Verhalten zu entschuldigen.“  Walter Wagenscheidt liebt seine Frau. Auch wenn  ihre Beziehung in den letzten Jahren mit vielen Abschieden verbunden  war. Oft erkennt sie ihren Mann nicht einmal mehr. Dann sitzt sie im Nachthemd auf der Bettkante und fürchtet sich.  „Wollen Sie etwa hier neben mir schlafen?“, fragt sie besorgt. „Mal  sehen“, antwortet er und beginnt ihr etwas zu erzählen. In ruhigem Tonfall spricht er über das Abendessen, lässt den gemeinsamen Tag Revue passieren. Bis sie Vertrauen fasst und ihn neben  sich einschlafen lässt. „Sie sind doch ein guter Mensch“, sagt sie  dann zu ihm. 

Den Umgang mit einem Erkrankten meistert nicht jeder

Wie Walter Wagenscheidt mit seiner Frau umgeht, imponiert  Hildegard Hartmann-Preis. Die Sozialarbeiterin und Demenzberaterin  des Evangelischen stopheruswerks in Duisburg unterstützt  ihn und andere Angehörige von Demenzkranken, indem  sie Kontakte zu medizinischen, sozialen oder ambulanten Einrichtungen  vermittelt. „Walter Wagenscheidt gehört zu den Menschen, die ihrem Partner schon immer eine grundsätzliche Wertschätzung  entgegengebracht haben“, sagt die Demenzberaterin „Sie meistern daher den Umgang mit dem erkrankten Gegenüber  sehr einfühlsam und verständnisvoll.“  Hildegard Hartmann-Preis kennt auch andere Fälle: „Wer mit  seinem Leben und seiner Ehe immer schon unzufrieden war, der  wird mit der Betreuung eines demenzkranken Partners kaum  fertig“, sagt sie. Wurde eine Ehe allein geschlossen, weil die Partnerin  schwanger wurde, oder steckte ein Partner seine Bedürfnisse jahrzehntelang zurück, sind das schlechte Voraussetzungen. „Denn eine Demenzerkrankung bringt eine große Abhängigkeit  mit sich“, sagt Hildegard Hartmann-Preis. „Plötzlich ist ein Partner  vollkommen auf den anderen angewiesen.“ 

Dann ist Geduld gefragt – und etwas, das Wissenschaftler als „Validation“ bezeichnen. Der Begriff stammt vom englischen Verb „validate“: „als gültig erklären“. Gemeint ist: Wer einen Demenzkranken  betreut, sollte versuchen, sich in dessen individuelle Lebenswelt hineinzuversetzen und die hinter dem verwirrten Verhalten liegenden Gefühle zu verstehen. Elisabeth Kramer hat  darin einige Übung.  Ihr Mann Ludwig ist Oberstudienrat. An einem Gymnasium  im Bergischen Land unterrichtete er Latein und Geschichte. Jetzt  sagt er das „Vater Unser“ auf Altgriechisch auf. Immer wieder. „Pater  hämon ho en tois uranois, hagiasthäto to onoma su.“ Elisabeth  Kramer, 77 Jahre alt, berührt ihn sacht, umfasst mit ihren Händen die schmalen, langen Finger des 89-Jährigen. „Dass du das weißt!  Aber ich verstehe das gar nicht, ich kann doch kein Griechisch“, sagt sie zu ihm. „Die Worte sind schön“, entgegnet er. „Ach, dann gefällt dir also der Klang“, folgert sie.  Elisabeth Kramer geht mit seinen Gedanken mit, wenn sie sich  auf die Reise machen, wenn sie zurückkehren zu seiner Kindheit  in Ostpreußen, zu den Stränden Masurens und dem kleinen See bei Berlin. „Mein Vater war Segler, von Berlin aus. Berlin-Grünau“, erzählt Ludwig. Ganz oft wiederholt er das. Und immer wieder  greift sie diesen Faden auf. „Dein Bruder hat sogar eine Jolle selbst  gebaut, weißt du noch? Ganz aus Holz. Und wir, wie oft waren  wir segeln! Am Ijsselmeer waren wir, und einmal ist uns sogar der Mast gebrochen.“ Ludwig hängt an ihren Lippen. „Stimmt, stimmt“, sagt er dauernd und dann strahlt er. Der große Mann mit  den feinen Gesichtszügen wirft den Kopf in den Nacken, Lachfältchen  umrahmen seine Augen. 

Ein Verhältnis wie zwischen Mutter und Kind

Natürlich habe sich das Rollenspiel in ihrer Beziehung verändert, sagt Elisabeth Kramer. „Die Ebene als Paar gibt es nicht  mehr. Irgendwie ist unser Verhältnis wie das zwischen einer Mutter  und ihrem Kind.“ Aber ein Kind, sagt sie, ein Kind liebe man doch auch. Sie ist gelernte Krankensschwester, hat ihre Eltern und  Schwiegereltern gepflegt. Als sie ihren Mann vor 52 Jahren heiratete, war er Witwer und hatte zwei kleine Kinder. Die zog sie  zusammen mit ihm groß, bekam mit ihm gemeinsam einen weiteren  Sohn. „Ich bin eben der Typ Frau, die sich gern kümmert.“ Was ihr hilft, ist Ludwigs freundliches Naturell. „Er war immer ein gemütlicher Charakter“, erzählt sie. Schon als Kind prügelte er sich nie, schlichtete lieber den Streit und tröstete die Mitschüler,  die ausgelacht wurden, weil sie auf dem Gymnasium nicht  mitkamen. Auch dass ihr Mann die Tagespflege der Johanniter in  Wiehl besucht, erleichtert Elisabeth Kramer das Leben mit seiner  Demenz: „Wenn er vom Fahrdienst abgeholt worden ist, kann ich  in Ruhe einkaufen oder den Tag ruhig angehen lassen.“ Manchmal  fährt sie dann nach Köln, besucht ein Museum, trifft sich mit  Freundinnen. Oder sie legt sich einfach ein wenig hin. Weil sie  nachts nicht geschlafen, sondern aufgepasst hat, wenn er mal wieder  aufgestanden ist. „Manchmal gibt es eben Momente, da ist  man einfach fertig“, sagt Elisabeth Kramer. „Wenn ich nicht die  Zeit für mich hätte, würde ich erstarren.“

Volkslieder singen – manchmal stundenlang

Ohne Hilfe von außen geht es nicht. Das betont auch Demenzberaterin  Hildegard Hartmann-Preis: „Jeder Angehörige sollte  unbedingt die Möglichkeiten ausschöpfen, die es mit Blick auf  gesetzliche, ambulante und medizinische Hilfe gibt.“ Auch Walter Wagenscheidt nimmt das in Anspruch. Seine Frau wird von  einer Krankenschwester ambulant versorgt, eine gesetzliche Betreuerin  kümmert sich um die Anträge bei der Pflegekasse, um Behördengänge  und Finanzen, eine Friseurin und ein Arzt kommen  regelmäßig in die Wohnung des Ehepaars. Walter Wagenscheidt besucht außerdem die Angehörigengruppe des „Forum Demenz“ des Christopheruswerks in Duisburg: „Ich wäre sonst vielleicht  manchmal niedergeschlagen, aber in der Gruppe erfährt man,  dass man nicht alleine ist.“  Dort findet er Menschen, die ihn verstehen. Die auch wissen,  wie das ist, wenn sich mit der Demenz das Vergessen in einst lebendigen  Beziehungen ausbreitet.

Klara und Walter Wagenscheidt  haben zusammen viele Weltreisen unternommen. Doch vom Sonnenaufgang über dem Meer vor Sydney, der Blütenpracht in  Japan oder der farbenprächtigen Kleidung der Brasilianer kann  nur noch Walter schwärmen. „Die Pyramiden in Alexandria, die fandest du so schön, Klara“, sagt er. „Du warst es auch, die immer  die Prospekte mitgebracht hatte. Du wolltest alles sehen.“ Doch  die Erinnerungen daran sind bei ihr verloschen. Die vielen Fotos  dieser Reisen schaut er sich daher schon lange nicht mehr mit ihr  an. Sie sagen ihr nichts. „Das ist schade“, sagt er leise.  Doch dann legt er eine Videokassette mit alten Volksliedern ein. Klara Wagenscheidt kennt sie noch, hatte sie als Mädchen in der  Volksschule gelernt. „Hab mein’ Wagen vollgeladen, voll mit jungen  Mädchen“ und „Geh’ aus mein Herz und suche Freud’“ singt das Ehepaar zusammen mit den Fischer-Chören. Stundenlang machen  sie das manchmal. Gemeinsam. 

Text: Sabine Eisenhauer
Fotos: Dominik Asbach