
Auf einmal wurde Klara wunderlich
Paare verbringen ihr ganzes Leben miteinander, teilen Tisch und Bett. Dann wird ein Partner dement und taucht ab in seine eigene Welt. Was bleibt da von der Liebe? Klara Wagenscheidt* (Name von der Redaktion
geändert) macht sich schick. Sie steigt in den hellen Rock, zieht die
leuchtend gelbe Bluse an, darüber noch der leichte Mantel – fertig. Die
83-Jährige öffnet die Wohnungstür, geht langsam die Treppenstufen im
Flur des Duisburger Mehrfamilienhauses hinab. Wenn sie ins Freie tritt,
steht ihr Mann Walter schon auf dem Balkon. Er sieht dann, wie Klara
ein paar Schritte geht und stehen bleibt. Sie wartet auf die
Straßenbahn. Denn sie will zur Arbeit, nach Düsseldorf. Doch die
Haltestelle der Straßenbahn existiert nicht mehr: Seit zehn Jahren fährt
die Linie 79 nicht mehr durch die Straße vor Klaras Haus. Und auch
ihren Schreibtisch in Düsseldorf gibt es nicht mehr. Als Sekretärin hat
sie dort in den Fünfzigerjahren Sitzungsprotokolle geschrieben, Briefe
formuliert. Sie denkt, es wäre gestern gewesen.
„Ach Klara“, sagt Walter leise. Der 83-Jährige zieht sich eine Jacke über und

Die Beziehung ändert
sich: Das Paar gibt es
nicht mehr, das Verhältnis
ist wie zwischen Mutter
und Kind
(Foto: Dominik Asbach) geht zu seiner Frau hinunter. „Komm, wir gehen ein Stück
spazieren“, fordert er sie auf. Er hält ihr den Arm hin, lächelt sie
an. Klara hakt sich ein. Dann dreht das Paar eine Runde durch den
angrenzenden Park. Sie treffen Nachbarn, halten Schwätzchen, tauschen
sich über das Wetter aus. Dann kehren sie zurück in ihre Wohnung. Bis
dahin weiß Klara Wagenscheidt nicht mehr, dass sie nach Düsseldorf
wollte.
Die 83-Jährige leidet an Demenz. Das Wort stammt aus der lateinischen Sprache. Es bedeutet so viel wie „Der Geist ist weg“. Das Gehirn zollt dem Alter Tribut: Das Gedächtnis lässt nach, das Sprachvermögen sinkt. Logisch und abstrakt zu denken, fällt immer schwerer. In Deutschland sind etwa 1,2 Millionen Menschen über 60 Jahre betroffen. Ihre Zahl wird sich Expertenschätzungen zufolge bis zum Jahr 2040 verdoppeln.
Das Demenzrisiko steigt mit dem Alter
Bei Klara machte sich die Demenz erstmals vor 13 Jahren bemerkbar. „Sie wurde am Magen operiert, danach hat sie sich wunderlich verhalten“, erinnert sich Walter Wagenscheidt. Klara war damals 70 Jahre alt. „Je älter der Mensch wird, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit einer Demenzerkrankung“, sagt Ralf Kraemer, Referent für Altenhilfe der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. Er ist sich sicher: „In Zukunft wird fast jeder einen Erkrankten in seiner Familie, in der Nachbarschaft oder im Freundeskreis haben.“
Umso wichtiger sei es zu lernen, mit der Krankheit und ihren Symptomen zu leben. Das heißt für Kraemer vor allem zu akzeptieren, „dass sich Menschen in unserer Mitte nicht mehr ordentlich anziehen, dass sie das Essen mit Messer und Gabel verlernen oder plötzlich über Dinge reden, deren Zusammenhang wir nicht nachvollziehen“. Das auszuhalten, fällt schon Kindern schwer, die sich um ihre dementen Eltern kümmern. Wie aber geht es Frauen und Männern, deren Partner nach 30, 40 Ehejahren zu Fremden im eigenen Bett werden? Was wird dann aus der Liebe?

Das Gehirn zollt dem
Alter Tribut: Demente
reden über Dinge, die
andere nicht nach-
vollziehen können
(Foto: Dominik Asbach)An diesem Nachmittag sitzt Walter Wagenscheidt mit seiner Frau am
Wohnzimmertisch. „Was ist in der Kanne?“ fragt sie. „Schwarzer Tee“,
erklärt er. Und dabei hatte sie ihm noch geholfen, den Tisch für den
Besuch herzurichten. Hatte die zarten, weißen Teetassen platziert, die
Schale mit dem braunen Kandis geholt, die Servietten mit den blauen
Blümchen neben die Teller gelegt. Jetzt sitzt sie auf dem Sofa und
schlägt die Hände vors Gesicht. „Alles Unsinn, alles Unsinn“, murmelt
sie. Sie kann den Gesprächen der Gäste nicht folgen, ahnt vielleicht,
dass auch sie Inhalt der nachmittäglichen Plauderei ist. „Du hast deine
schönen Ringe an“, sagt Walter Wagenscheidt. Immer wieder bezieht er
seine Frau in das Gespräch mit ein, schaut sie an und richtet das Wort
an sie. „Du warst ja auch immer berufstätig. Konntest dir den schönen
Schmuck leisten.“
Seine Frau nimmt die Hände vom Gesicht, goldene Ringe trägt sie, verziert mit kleinen, funkelnden Steinen und Ornamenten. „Ach, das geht doch keinen was an“, schnaubt sie und schüttelt den weißhaarigen Kopf. Mit dem trotzigen Blick eines eigensinnigen Kindes schaut sie in die Runde. „Alles Quatsch, das hör’ ich mir nicht länger an!“, ruft sie aus und verlässt das Zimmer.
Walter Wagenscheidt bleibt sitzen. Ganz ruhig bleibt er. Ihren Ausbruch nimmt er nicht persönlich. Warum sollte er sie dafür tadeln? „Sie ist doch krank, kann nichts dafür.“ In der Küche klappert es, dann kommt Klara Wagenscheidt wieder. Sie setzt sich auf das Sofa, ihre Hände mit den goldenen Ringen faltet sie im Schoß. Sie hat eben ihren eigenen Willen. Den hatte sie schon immer – und genau das hatte ihm von Anfang an so an ihr gefallen.
Oft erkennt sie ihren Mann nicht mehr
Zum ersten Rendezvous trafen sich Klara und Walter vor mehr als 40 Jahren in einem Düsseldorfer Restaurant. Sie hatten durch eine Zeitungsannonce zueinandergefunden. „Es gefiel mir, dass sie so lebendig war“, sagt Walter. „Sie wusste viel und man konnte mit ihr über alles Mögliche reden.“ Er wollte eine selbstständige Frau, eine gleichberechtigte Partnerin. An diesem Abend im llhaus spürte er, dass Klara die Richtige ist: „Sie war eine Frau, die wusste, was sie wollte.“
Das weiß sie bis heute. Und er findet das gut. Sie kann auch anziehen, was sie möchte. Schließlich legte sie ein Leben lang Wert auf ihr Äußeres. „Marineblau, das war ihre Lieblingsfarbe“, sagt Walter. Doch die mag sie inzwischen nicht mehr. Also hat er den tiefblauen Rock, den er ihr gekauft hatte, wieder umgetauscht. „Wenn sie lieber einen roten Rock zur gelben Bluse tragen will, dann ist das in Ordnung“, findet er. Er redet ihr nichts aus, widerspricht ihr nicht. Konfrontiert sie auch nicht mit grausamen Wahrheiten. Zum Beispiel der, dass ihre Eltern schon vor Jahren gestorben sind. Dabei will sie doch ganz oft zu ihnen, wird nervös, läuft herum und möchte heimkehren in das kleine Dorf im Brandenburgischen, in dem sie aufgewachsen ist. „Schau doch mal raus“, sagt er dann, „es regnet in Strömen.“ Dass sie bei diesem Wetter nicht verreisen können, sieht Klara ein.
„Unsere Beziehung war immer von einer großen Toleranz geprägt“, sagt Walter Wagenscheidt. „Nie brauchte sich einer von uns beim anderen für seine Wünsche oder sein Verhalten zu entschuldigen.“ Walter Wagenscheidt liebt seine Frau. Auch wenn ihre Beziehung in den letzten Jahren mit vielen Abschieden verbunden war. Oft erkennt sie ihren Mann nicht einmal mehr. Dann sitzt sie im Nachthemd auf der Bettkante und fürchtet sich. „Wollen Sie etwa hier neben mir schlafen?“, fragt sie besorgt. „Mal sehen“, antwortet er und beginnt ihr etwas zu erzählen. In ruhigem Tonfall spricht er über das Abendessen, lässt den gemeinsamen Tag Revue passieren. Bis sie Vertrauen fasst und ihn neben sich einschlafen lässt. „Sie sind doch ein guter Mensch“, sagt sie dann zu ihm.
Den Umgang mit einem Erkrankten meistert nicht jeder
Wie Walter Wagenscheidt mit seiner Frau umgeht, imponiert Hildegard Hartmann-Preis. Die Sozialarbeiterin und Demenzberaterin des Evangelischen stopheruswerks in Duisburg unterstützt ihn und andere Angehörige von Demenzkranken, indem sie Kontakte zu medizinischen, sozialen oder ambulanten Einrichtungen vermittelt. „Walter Wagenscheidt gehört zu den Menschen, die ihrem Partner schon immer eine grundsätzliche Wertschätzung entgegengebracht haben“, sagt die Demenzberaterin „Sie meistern daher den Umgang mit dem erkrankten Gegenüber sehr einfühlsam und verständnisvoll.“ Hildegard Hartmann-Preis kennt auch andere Fälle: „Wer mit seinem Leben und seiner Ehe immer schon unzufrieden war, der wird mit der Betreuung eines demenzkranken Partners kaum fertig“, sagt sie. Wurde eine Ehe allein geschlossen, weil die Partnerin schwanger wurde, oder steckte ein Partner seine Bedürfnisse jahrzehntelang zurück, sind das schlechte Voraussetzungen. „Denn eine Demenzerkrankung bringt eine große Abhängigkeit mit sich“, sagt Hildegard Hartmann-Preis. „Plötzlich ist ein Partner vollkommen auf den anderen angewiesen.“
Dann ist Geduld gefragt – und etwas, das Wissenschaftler als „Validation“ bezeichnen. Der Begriff stammt vom englischen Verb „validate“: „als gültig erklären“. Gemeint ist: Wer einen Demenzkranken betreut, sollte versuchen, sich in dessen individuelle Lebenswelt hineinzuversetzen und die hinter dem verwirrten Verhalten liegenden Gefühle zu verstehen. Elisabeth Kramer hat darin einige Übung. Ihr Mann Ludwig ist Oberstudienrat. An einem Gymnasium im Bergischen Land unterrichtete er Latein und Geschichte. Jetzt sagt er das „Vater Unser“ auf Altgriechisch auf. Immer wieder. „Pater hämon ho en tois uranois, hagiasthäto to onoma su.“ Elisabeth Kramer, 77 Jahre alt, berührt ihn sacht, umfasst mit ihren Händen die schmalen, langen Finger des 89-Jährigen. „Dass du das weißt! Aber ich verstehe das gar nicht, ich kann doch kein Griechisch“, sagt sie zu ihm. „Die Worte sind schön“, entgegnet er. „Ach, dann gefällt dir also der Klang“, folgert sie. Elisabeth Kramer geht mit seinen Gedanken mit, wenn sie sich auf die Reise machen, wenn sie zurückkehren zu seiner Kindheit in Ostpreußen, zu den Stränden Masurens und dem kleinen See bei Berlin. „Mein Vater war Segler, von Berlin aus. Berlin-Grünau“, erzählt Ludwig. Ganz oft wiederholt er das. Und immer wieder greift sie diesen Faden auf. „Dein Bruder hat sogar eine Jolle selbst gebaut, weißt du noch? Ganz aus Holz. Und wir, wie oft waren wir segeln! Am Ijsselmeer waren wir, und einmal ist uns sogar der Mast gebrochen.“ Ludwig hängt an ihren Lippen. „Stimmt, stimmt“, sagt er dauernd und dann strahlt er. Der große Mann mit den feinen Gesichtszügen wirft den Kopf in den Nacken, Lachfältchen umrahmen seine Augen.
Ein Verhältnis wie zwischen Mutter und Kind
Natürlich habe sich das Rollenspiel in ihrer Beziehung verändert, sagt Elisabeth Kramer. „Die Ebene als Paar gibt es nicht mehr. Irgendwie ist unser Verhältnis wie das zwischen einer Mutter und ihrem Kind.“ Aber ein Kind, sagt sie, ein Kind liebe man doch auch. Sie ist gelernte Krankensschwester, hat ihre Eltern und Schwiegereltern gepflegt. Als sie ihren Mann vor 52 Jahren heiratete, war er Witwer und hatte zwei kleine Kinder. Die zog sie zusammen mit ihm groß, bekam mit ihm gemeinsam einen weiteren Sohn. „Ich bin eben der Typ Frau, die sich gern kümmert.“ Was ihr hilft, ist Ludwigs freundliches Naturell. „Er war immer ein gemütlicher Charakter“, erzählt sie. Schon als Kind prügelte er sich nie, schlichtete lieber den Streit und tröstete die Mitschüler, die ausgelacht wurden, weil sie auf dem Gymnasium nicht mitkamen. Auch dass ihr Mann die Tagespflege der Johanniter in Wiehl besucht, erleichtert Elisabeth Kramer das Leben mit seiner Demenz: „Wenn er vom Fahrdienst abgeholt worden ist, kann ich in Ruhe einkaufen oder den Tag ruhig angehen lassen.“ Manchmal fährt sie dann nach Köln, besucht ein Museum, trifft sich mit Freundinnen. Oder sie legt sich einfach ein wenig hin. Weil sie nachts nicht geschlafen, sondern aufgepasst hat, wenn er mal wieder aufgestanden ist. „Manchmal gibt es eben Momente, da ist man einfach fertig“, sagt Elisabeth Kramer. „Wenn ich nicht die Zeit für mich hätte, würde ich erstarren.“
Volkslieder singen – manchmal stundenlang
Ohne Hilfe von außen geht es nicht. Das betont auch Demenzberaterin Hildegard Hartmann-Preis: „Jeder Angehörige sollte unbedingt die Möglichkeiten ausschöpfen, die es mit Blick auf gesetzliche, ambulante und medizinische Hilfe gibt.“ Auch Walter Wagenscheidt nimmt das in Anspruch. Seine Frau wird von einer Krankenschwester ambulant versorgt, eine gesetzliche Betreuerin kümmert sich um die Anträge bei der Pflegekasse, um Behördengänge und Finanzen, eine Friseurin und ein Arzt kommen regelmäßig in die Wohnung des Ehepaars. Walter Wagenscheidt besucht außerdem die Angehörigengruppe des „Forum Demenz“ des Christopheruswerks in Duisburg: „Ich wäre sonst vielleicht manchmal niedergeschlagen, aber in der Gruppe erfährt man, dass man nicht alleine ist.“ Dort findet er Menschen, die ihn verstehen. Die auch wissen, wie das ist, wenn sich mit der Demenz das Vergessen in einst lebendigen Beziehungen ausbreitet.
Klara und Walter Wagenscheidt haben zusammen viele Weltreisen unternommen. Doch vom Sonnenaufgang über dem Meer vor Sydney, der Blütenpracht in Japan oder der farbenprächtigen Kleidung der Brasilianer kann nur noch Walter schwärmen. „Die Pyramiden in Alexandria, die fandest du so schön, Klara“, sagt er. „Du warst es auch, die immer die Prospekte mitgebracht hatte. Du wolltest alles sehen.“ Doch die Erinnerungen daran sind bei ihr verloschen. Die vielen Fotos dieser Reisen schaut er sich daher schon lange nicht mehr mit ihr an. Sie sagen ihr nichts. „Das ist schade“, sagt er leise. Doch dann legt er eine Videokassette mit alten Volksliedern ein. Klara Wagenscheidt kennt sie noch, hatte sie als Mädchen in der Volksschule gelernt. „Hab mein’ Wagen vollgeladen, voll mit jungen Mädchen“ und „Geh’ aus mein Herz und suche Freud’“ singt das Ehepaar zusammen mit den Fischer-Chören. Stundenlang machen sie das manchmal. Gemeinsam.
Text: Sabine Eisenhauer
Fotos: Dominik Asbach
„Ach Klara“, sagt Walter leise. Der 83-Jährige zieht sich eine Jacke über und

Die Beziehung ändert
sich: Das Paar gibt es
nicht mehr, das Verhältnis
ist wie zwischen Mutter
und Kind
(Foto: Dominik Asbach)
Die 83-Jährige leidet an Demenz. Das Wort stammt aus der lateinischen Sprache. Es bedeutet so viel wie „Der Geist ist weg“. Das Gehirn zollt dem Alter Tribut: Das Gedächtnis lässt nach, das Sprachvermögen sinkt. Logisch und abstrakt zu denken, fällt immer schwerer. In Deutschland sind etwa 1,2 Millionen Menschen über 60 Jahre betroffen. Ihre Zahl wird sich Expertenschätzungen zufolge bis zum Jahr 2040 verdoppeln.
Das Demenzrisiko steigt mit dem Alter
Bei Klara machte sich die Demenz erstmals vor 13 Jahren bemerkbar. „Sie wurde am Magen operiert, danach hat sie sich wunderlich verhalten“, erinnert sich Walter Wagenscheidt. Klara war damals 70 Jahre alt. „Je älter der Mensch wird, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit einer Demenzerkrankung“, sagt Ralf Kraemer, Referent für Altenhilfe der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. Er ist sich sicher: „In Zukunft wird fast jeder einen Erkrankten in seiner Familie, in der Nachbarschaft oder im Freundeskreis haben.“
Umso wichtiger sei es zu lernen, mit der Krankheit und ihren Symptomen zu leben. Das heißt für Kraemer vor allem zu akzeptieren, „dass sich Menschen in unserer Mitte nicht mehr ordentlich anziehen, dass sie das Essen mit Messer und Gabel verlernen oder plötzlich über Dinge reden, deren Zusammenhang wir nicht nachvollziehen“. Das auszuhalten, fällt schon Kindern schwer, die sich um ihre dementen Eltern kümmern. Wie aber geht es Frauen und Männern, deren Partner nach 30, 40 Ehejahren zu Fremden im eigenen Bett werden? Was wird dann aus der Liebe?

Das Gehirn zollt dem
Alter Tribut: Demente
reden über Dinge, die
andere nicht nach-
vollziehen können
(Foto: Dominik Asbach)
Seine Frau nimmt die Hände vom Gesicht, goldene Ringe trägt sie, verziert mit kleinen, funkelnden Steinen und Ornamenten. „Ach, das geht doch keinen was an“, schnaubt sie und schüttelt den weißhaarigen Kopf. Mit dem trotzigen Blick eines eigensinnigen Kindes schaut sie in die Runde. „Alles Quatsch, das hör’ ich mir nicht länger an!“, ruft sie aus und verlässt das Zimmer.
Walter Wagenscheidt bleibt sitzen. Ganz ruhig bleibt er. Ihren Ausbruch nimmt er nicht persönlich. Warum sollte er sie dafür tadeln? „Sie ist doch krank, kann nichts dafür.“ In der Küche klappert es, dann kommt Klara Wagenscheidt wieder. Sie setzt sich auf das Sofa, ihre Hände mit den goldenen Ringen faltet sie im Schoß. Sie hat eben ihren eigenen Willen. Den hatte sie schon immer – und genau das hatte ihm von Anfang an so an ihr gefallen.
Oft erkennt sie ihren Mann nicht mehr
Zum ersten Rendezvous trafen sich Klara und Walter vor mehr als 40 Jahren in einem Düsseldorfer Restaurant. Sie hatten durch eine Zeitungsannonce zueinandergefunden. „Es gefiel mir, dass sie so lebendig war“, sagt Walter. „Sie wusste viel und man konnte mit ihr über alles Mögliche reden.“ Er wollte eine selbstständige Frau, eine gleichberechtigte Partnerin. An diesem Abend im llhaus spürte er, dass Klara die Richtige ist: „Sie war eine Frau, die wusste, was sie wollte.“
Das weiß sie bis heute. Und er findet das gut. Sie kann auch anziehen, was sie möchte. Schließlich legte sie ein Leben lang Wert auf ihr Äußeres. „Marineblau, das war ihre Lieblingsfarbe“, sagt Walter. Doch die mag sie inzwischen nicht mehr. Also hat er den tiefblauen Rock, den er ihr gekauft hatte, wieder umgetauscht. „Wenn sie lieber einen roten Rock zur gelben Bluse tragen will, dann ist das in Ordnung“, findet er. Er redet ihr nichts aus, widerspricht ihr nicht. Konfrontiert sie auch nicht mit grausamen Wahrheiten. Zum Beispiel der, dass ihre Eltern schon vor Jahren gestorben sind. Dabei will sie doch ganz oft zu ihnen, wird nervös, läuft herum und möchte heimkehren in das kleine Dorf im Brandenburgischen, in dem sie aufgewachsen ist. „Schau doch mal raus“, sagt er dann, „es regnet in Strömen.“ Dass sie bei diesem Wetter nicht verreisen können, sieht Klara ein.
„Unsere Beziehung war immer von einer großen Toleranz geprägt“, sagt Walter Wagenscheidt. „Nie brauchte sich einer von uns beim anderen für seine Wünsche oder sein Verhalten zu entschuldigen.“ Walter Wagenscheidt liebt seine Frau. Auch wenn ihre Beziehung in den letzten Jahren mit vielen Abschieden verbunden war. Oft erkennt sie ihren Mann nicht einmal mehr. Dann sitzt sie im Nachthemd auf der Bettkante und fürchtet sich. „Wollen Sie etwa hier neben mir schlafen?“, fragt sie besorgt. „Mal sehen“, antwortet er und beginnt ihr etwas zu erzählen. In ruhigem Tonfall spricht er über das Abendessen, lässt den gemeinsamen Tag Revue passieren. Bis sie Vertrauen fasst und ihn neben sich einschlafen lässt. „Sie sind doch ein guter Mensch“, sagt sie dann zu ihm.
Den Umgang mit einem Erkrankten meistert nicht jeder
Wie Walter Wagenscheidt mit seiner Frau umgeht, imponiert Hildegard Hartmann-Preis. Die Sozialarbeiterin und Demenzberaterin des Evangelischen stopheruswerks in Duisburg unterstützt ihn und andere Angehörige von Demenzkranken, indem sie Kontakte zu medizinischen, sozialen oder ambulanten Einrichtungen vermittelt. „Walter Wagenscheidt gehört zu den Menschen, die ihrem Partner schon immer eine grundsätzliche Wertschätzung entgegengebracht haben“, sagt die Demenzberaterin „Sie meistern daher den Umgang mit dem erkrankten Gegenüber sehr einfühlsam und verständnisvoll.“ Hildegard Hartmann-Preis kennt auch andere Fälle: „Wer mit seinem Leben und seiner Ehe immer schon unzufrieden war, der wird mit der Betreuung eines demenzkranken Partners kaum fertig“, sagt sie. Wurde eine Ehe allein geschlossen, weil die Partnerin schwanger wurde, oder steckte ein Partner seine Bedürfnisse jahrzehntelang zurück, sind das schlechte Voraussetzungen. „Denn eine Demenzerkrankung bringt eine große Abhängigkeit mit sich“, sagt Hildegard Hartmann-Preis. „Plötzlich ist ein Partner vollkommen auf den anderen angewiesen.“
Dann ist Geduld gefragt – und etwas, das Wissenschaftler als „Validation“ bezeichnen. Der Begriff stammt vom englischen Verb „validate“: „als gültig erklären“. Gemeint ist: Wer einen Demenzkranken betreut, sollte versuchen, sich in dessen individuelle Lebenswelt hineinzuversetzen und die hinter dem verwirrten Verhalten liegenden Gefühle zu verstehen. Elisabeth Kramer hat darin einige Übung. Ihr Mann Ludwig ist Oberstudienrat. An einem Gymnasium im Bergischen Land unterrichtete er Latein und Geschichte. Jetzt sagt er das „Vater Unser“ auf Altgriechisch auf. Immer wieder. „Pater hämon ho en tois uranois, hagiasthäto to onoma su.“ Elisabeth Kramer, 77 Jahre alt, berührt ihn sacht, umfasst mit ihren Händen die schmalen, langen Finger des 89-Jährigen. „Dass du das weißt! Aber ich verstehe das gar nicht, ich kann doch kein Griechisch“, sagt sie zu ihm. „Die Worte sind schön“, entgegnet er. „Ach, dann gefällt dir also der Klang“, folgert sie. Elisabeth Kramer geht mit seinen Gedanken mit, wenn sie sich auf die Reise machen, wenn sie zurückkehren zu seiner Kindheit in Ostpreußen, zu den Stränden Masurens und dem kleinen See bei Berlin. „Mein Vater war Segler, von Berlin aus. Berlin-Grünau“, erzählt Ludwig. Ganz oft wiederholt er das. Und immer wieder greift sie diesen Faden auf. „Dein Bruder hat sogar eine Jolle selbst gebaut, weißt du noch? Ganz aus Holz. Und wir, wie oft waren wir segeln! Am Ijsselmeer waren wir, und einmal ist uns sogar der Mast gebrochen.“ Ludwig hängt an ihren Lippen. „Stimmt, stimmt“, sagt er dauernd und dann strahlt er. Der große Mann mit den feinen Gesichtszügen wirft den Kopf in den Nacken, Lachfältchen umrahmen seine Augen.
Ein Verhältnis wie zwischen Mutter und Kind
Natürlich habe sich das Rollenspiel in ihrer Beziehung verändert, sagt Elisabeth Kramer. „Die Ebene als Paar gibt es nicht mehr. Irgendwie ist unser Verhältnis wie das zwischen einer Mutter und ihrem Kind.“ Aber ein Kind, sagt sie, ein Kind liebe man doch auch. Sie ist gelernte Krankensschwester, hat ihre Eltern und Schwiegereltern gepflegt. Als sie ihren Mann vor 52 Jahren heiratete, war er Witwer und hatte zwei kleine Kinder. Die zog sie zusammen mit ihm groß, bekam mit ihm gemeinsam einen weiteren Sohn. „Ich bin eben der Typ Frau, die sich gern kümmert.“ Was ihr hilft, ist Ludwigs freundliches Naturell. „Er war immer ein gemütlicher Charakter“, erzählt sie. Schon als Kind prügelte er sich nie, schlichtete lieber den Streit und tröstete die Mitschüler, die ausgelacht wurden, weil sie auf dem Gymnasium nicht mitkamen. Auch dass ihr Mann die Tagespflege der Johanniter in Wiehl besucht, erleichtert Elisabeth Kramer das Leben mit seiner Demenz: „Wenn er vom Fahrdienst abgeholt worden ist, kann ich in Ruhe einkaufen oder den Tag ruhig angehen lassen.“ Manchmal fährt sie dann nach Köln, besucht ein Museum, trifft sich mit Freundinnen. Oder sie legt sich einfach ein wenig hin. Weil sie nachts nicht geschlafen, sondern aufgepasst hat, wenn er mal wieder aufgestanden ist. „Manchmal gibt es eben Momente, da ist man einfach fertig“, sagt Elisabeth Kramer. „Wenn ich nicht die Zeit für mich hätte, würde ich erstarren.“
Volkslieder singen – manchmal stundenlang
Ohne Hilfe von außen geht es nicht. Das betont auch Demenzberaterin Hildegard Hartmann-Preis: „Jeder Angehörige sollte unbedingt die Möglichkeiten ausschöpfen, die es mit Blick auf gesetzliche, ambulante und medizinische Hilfe gibt.“ Auch Walter Wagenscheidt nimmt das in Anspruch. Seine Frau wird von einer Krankenschwester ambulant versorgt, eine gesetzliche Betreuerin kümmert sich um die Anträge bei der Pflegekasse, um Behördengänge und Finanzen, eine Friseurin und ein Arzt kommen regelmäßig in die Wohnung des Ehepaars. Walter Wagenscheidt besucht außerdem die Angehörigengruppe des „Forum Demenz“ des Christopheruswerks in Duisburg: „Ich wäre sonst vielleicht manchmal niedergeschlagen, aber in der Gruppe erfährt man, dass man nicht alleine ist.“ Dort findet er Menschen, die ihn verstehen. Die auch wissen, wie das ist, wenn sich mit der Demenz das Vergessen in einst lebendigen Beziehungen ausbreitet.
Klara und Walter Wagenscheidt haben zusammen viele Weltreisen unternommen. Doch vom Sonnenaufgang über dem Meer vor Sydney, der Blütenpracht in Japan oder der farbenprächtigen Kleidung der Brasilianer kann nur noch Walter schwärmen. „Die Pyramiden in Alexandria, die fandest du so schön, Klara“, sagt er. „Du warst es auch, die immer die Prospekte mitgebracht hatte. Du wolltest alles sehen.“ Doch die Erinnerungen daran sind bei ihr verloschen. Die vielen Fotos dieser Reisen schaut er sich daher schon lange nicht mehr mit ihr an. Sie sagen ihr nichts. „Das ist schade“, sagt er leise. Doch dann legt er eine Videokassette mit alten Volksliedern ein. Klara Wagenscheidt kennt sie noch, hatte sie als Mädchen in der Volksschule gelernt. „Hab mein’ Wagen vollgeladen, voll mit jungen Mädchen“ und „Geh’ aus mein Herz und suche Freud’“ singt das Ehepaar zusammen mit den Fischer-Chören. Stundenlang machen sie das manchmal. Gemeinsam.
Text: Sabine Eisenhauer
Fotos: Dominik Asbach

