Christen und Muslime
Schürt die evangelische Kirche die Islam-Angst? Jürgen Schmude und Professor Wolf-Dieter Just streiten über die Zukunft des christlich-muslimischen Dialogs. Jürgen Schmude, 71, ist Jurist
und war von 1978 bis 1981 Bundesminister für Bildung und Wissenschaft,
von 1981 bis 1982 Bundesminister der Justiz und 1982 Bundesminister des
Innern. Von 1985 bis 2003 saß er als Präses der Synode der Evangelischen
Kirche in Deutschland (EKD) vor. Er leitete die Arbeitsgruppe, die die
umstrittene EKD-Handreichung „Klarheit und gute Nachbarschaft. Christen
und Muslime in Deutschland“ 2006 verfasst hat.

„Mit der Handreichung stellen
Sie allzu schnell eine Ver-
bindung zwischen Islam und
Gewalt her“. Wolf-Dieter Just
Wolf-Dieter Just, 66, ist Theologe und war von 1984 bis
2002 Studienleiter an der Evangelischen Akademie Mülheim. Ab 2002 lehrte
er als Professor Ethik und Sozialphilosophie an der Evangelischen
Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe. Seit 2006 im Ruhestand, hat er
Lehraufträge an mehreren Fachhoch schulen inne, unter anderem über den
christlich-muslimischen Dialog. Er gehört zu den innerkirchlichen
Kritikern der EKD-Handreichung.
chrismon plus rheinland: Umfragen zufolge schätzen die meisten Deutschen den Islam als intolerant und fanatisch ein. Verstehen Sie diese Ängste?

„Wir fragen: Ist es gerecht-
fertigt, aus religiösen Gründen
Gewalt zur Durchsetzung
seiner Meinung anzuwenden?“
Jürgen SchmudeJürgen Schmude: Die öffentliche Meinung gegenüber
Muslimen hat sich etwas versteift. Das liegt auch an bestimmten Medien,
die sehr kritisch gegenüber dem Islam eingestellt sind. Würde
ich nach meinen Erfahrungen mit muslimischen Mitbürgern gefragt, ergäbe sich ein besseres Bild des Islam.
Wolf-Dieter Just: Die Medien zeichnen ein schiefes Bild des Islam. Berichte über islamistischen Terror, über Ehrenmorde, Zwangsheiraten oder den Karikaturenstreit nehmen breiten Raum ein, aber über das Alltagsleben der Muslime in Deutschland wird kaum berichtet. Verfassungsschützer stufen weniger als ein Prozent der Muslime in Deutschland als islamistisch ein. Auch die Evangelische Kirche in Deutschland hat mit ihrer Handreichung „Klarheit und gute Nachbarschaft“ Anteil an dem schiefen Islam-Bild, weil sie dem gewaltbereiten Islamismus einen
viel zu breiten Raum widmet.
Schmude: Die Handreichung betont mehrfach die große Unterschiedlichkeit der Muslime in Deutschland. Darunter gibt es freilich auch solche, die aus religiösen Überzeugungen bedenkliche
Konsequenzen ableiten. Wir fragen: Ist es gerechtfertigt, aus religiösen Gründen Gewalt zur Durchsetzung seiner Meinung anzuwenden? Sind die Menschenrechte grundlegend und elementar für alle oder stehen sie stets unter dem Vorbehalt der Scharia, der islamischen Rechtsordnung? Gilt die Gleichberechtigung der Frau ohne Einschränkung? Oder wird sie als notwendiges Übel mit vielen Ausnahmen hingenommen? Wir erwarten von den muslimischen Verbänden in Deutschland eine fundierte und theologisch begründete Stellungnahme, was mit dem muslimischen Glauben vereinbar ist und was nicht.
Just: Dem stimme ich zu. Doch leider erweckt die Evangelische Kirche in Deutschland mit ihrer Handreichung den Eindruck, als hätte der Islam in Deutschland eine besondere Affinität zur Gewalt. So werden natürlich Ängste vor dem Islam eher geschürt als abgebaut. Besonders kritisch sehe ich die Tatsache, dass in einer Handreichung über „Christen und Muslime in Deutschland“ – so der Untertitel – vor allem Gräuel aufgeführt werden, die im Namen des Islam in fernen Ländern begangen werden: von „Auspeitschungen, Amputationen oder Steinigungen“ in Nigeria über die Enthauptungen von Apostaten bis hin zu Schauprozessen wegen Ehebruchs in Saudi-Arabien und Iran.
Schmude: Viele Muslime, die in Deutschland leben, sind geprägt von dem, was sie in ihren Herkunftsländern erlebt haben und immer noch erleben. Deshalb haben wir die Situation in diesen Ländern angesprochen. Nehmen wir das Verständnis der Religionsfreiheit in der Türkei. Es zeigt sich in einer harschen Politik gegenüber Christen und verschafft sich Ausdruck in einer
Gesinnung, die allein bei der Erwähnung des Wortes „Mission“ mit Hasstiraden reagiert. Ist es vor diesem Hintergrund so falsch zu vermuten, dass der türkische Staat über die von ihm gesteuerte Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, kurz Ditib, Muslime auch in Deutschland in ihrer Vorstellung von freier Religionsausübung beeinflusst? Also wüssten wir gern: Können die Muslime in Deutschland für sich selbst sprechen, oder beziehen sie ihr religiöses Gedankengut aus ihren Herkunftsländern?
Just: Die Abhängigkeit von Autoritäten in den Herkunftsländern ist bei vielen der muslimischen Dachverbände ein Problem. Allerdings ist zu bedenken, dass lediglich zehn bis 15 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime in diesen Verbänden organisiert sind. Die große Mehrheit hat mit den Verbänden nicht viel zu schaffen.
chrismon plus rheinland: Was folgt daraus für den christlich-muslimischen Dialog?
Just: Ich rate den angehenden Sozialarbeitern unter meinen Studierenden, sich etwa bei Gesprächen mit Ditib-Vereinen nicht an die Imame zu wenden, die ja nur für eine begrenzte Zeit aus der Türkei nach Deutschland kommen, sondern an die Vorsitzenden der Moscheevereine. Die kennen die Verhältnisse, sind viel besser integriert. Und sie sprechen auch nicht für den türkischen Staatsislam. Mit ihnen funktioniert in aller Regel der Dialog auf Gemeindeebene. Durch Begegnung und Dialog wird Angst vor dem Islam abgebaut.
Schmude: Der Gemeindeebene kommt in der Tat eine besondere Bedeutung für ein gutes Einvernehmen zu. Die Evangelische Kirche in Deutschland gibt in ihrer Handreichung deshalb viele praktische Ratschläge zum Gelingen guter Nachbarschaft. Trotzdem: Die muslimischen Verbände treten als Sprecher der religiösen Muslime in Deutschland auf und stellen Forderungen, etwa nach der Anerkennung als Körperschaft öffentlichen Rechts oder nach einem Religionsunterricht an öffentlichen Schulen. Deshalb werden sie sich weiterhin unsere Bitte um Klarstellung gefallen lassen müssen.
chrismon plus rheinland: Ist es nicht eher Aufgabe des Staates, hier konkrete Stellungnahmen ein zufordern?
Schmude: Der Staat hat seine allgemeinen Erwartungen, wie Menschen friedlich miteinander leben können, die Kirchen haben besondere. Wir möchten, dass die Religion im öffentlichen Leben weiterhin eine vertrauenswürdige Rolle spielt und nicht in den privaten Bereich abgedrängt wird, wie manche Kritiker es fordern. So wird die Stellung des Religionsunterrichts immer öfter infrage gestellt. Wenn er für Muslime als ordentliches Schulfach und in Übereinstimmung mit dem Grundgesetz erteilt würde, dann würde das auch die Position des christlichen Religionsunterrichts stärken. Wenn von den verfassungsrechtlichen Vorgaben abgewichen wird, kann das nur schaden.
Just: Klärende Fragen müssen gestellt werden. Allerdings ist eine Handreichung kein geeignetes Instrument für den Dialog – in unserem Fall ist sie ein 125 Seiten langer Monolog der Evangelischen Kirche in Deutschland. In einem echten Gespräch auf Augenhöhe kann Kritik viel eher gewürdigt werden.
Schmude: Ich habe an mehreren Dialogtreffen teilgenommen, die mit der Einsicht endeten, die angesprochenen Fragen fundiert klären zu müssen. Aber dann ist auf muslimischer Seite nichts passiert. Diese Erfahrung hat mich zu einer ablehnenden Antwort gebracht, als während unserer Arbeit an der Handreichung die Frage aufkam: Müssten wir diese Dinge nicht eigentlich mit Muslimen gemeinsam erörtern und erst dann veröffentlichen?
Just: Genau, das wäre doch gut gewesen.
Schmude: Das wäre völlig schlecht gewesen. Denn man kann kritische Fragen, die man jemandem stellen will, zuvor nicht mit diesem vereinbaren – sie würden sonst von der Tagesordnung verschwinden. Nein, dieses Mal sollte deutlich und öffentlich – und auch wenn es Ärger gibt – gesagt werden, worum es uns geht – und dann mögen diejenigen, die bisher ausgewichen sind oder die Zeit nicht gefunden haben, endlich einmal sagen, was
denn nun gelten soll in verschiedenen Punkten bis hin zur Gewaltfrage.
Just: Mit der Handreichung stellen Sie aber allzu schnell eine Verbindung zwischen Islam und Gewalt her. Ich kann diejenigen Muslime in Deutschland gut verstehen, die genervt sind, wenn sie bei jedem Terroranschlag oder Ehrenmord aufgefordert werden, sich zu distanzieren. Ich wäre auch genervt, wenn ich ständig von muslimischer Seite aufgefordert würde, mich
von der militanten Politik George Bushs und seiner Kreuzzugsrhethorik abzugrenzen. Oder wenn ich mich ständig distanzieren müsste von aggressiven evangelikalen Äußerungen. „Was habe ich damit zu tun?“, wäre meine Reaktion. Genauso reagieren viele Muslime, wenn sie auf Terroranschläge angesprochen werden. Da werden falsche Fronten aufgemacht. Die Trennungslinie verläuft hier nicht zwischen Christen und Muslimen, sondern zwischen Demokraten und Extremisten. Ich wünsche mir, dass wir die Kooperationspartner auf Seiten der Muslime erkennen, um so viel effektiver, nämlich gemeinsam, gegen Extremismus vorzugehen.
Schmude: Der Ansatz ist völlig richtig. Viele Muslime, die hier leben, wären die ersten Verlierer, wenn manches, was ihre eigenen Fundamentalisten wollen, auch nur ansatzweise Realität würde. Sie haben noch mehr zu verlieren als wir. Aber: Wenn es sie denn nervt, warum reagieren sie dann nicht in der Weise, dass sie mit den Ursachen des Genervtseins gründlich aufräumen? Wir von der Kirche werden in Presseartikeln und Leserbriefen immer wieder mit viel Polemik als Illusionisten betitelt, weil wir glauben, mit Muslimen über die Gleichberechtigung der Frauen reden zu können. Aber diese Polemiker machen sich bestimmte theologische Interpretationen und Praktiken auf muslimischer Seite zunutze. Es sind die Muslime selber, die damit aufräumen müssen.
chrismon plus rheinland: Wie geht es weiter mit dem Dialog?
Schmude: Viele Muslime, auch in den religiösen Verbänden, möchten vorankommen. So hat unter anderem der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland eingeräumt, dass Muslime in ihrer gemeindlichen Praxis die Gewaltfrage zu lange vernachlässigt haben. Er fordert eine deutlichere Abgrenzung von Gewalt in den Freitagspredigten. Und so gibt es eine ganze Reihe von Signalen. Nur, die Muslime müssen sich zusammenraufen und sagen, wo es lang geht. Ich neige eher dazu, Fragen zunächst in kleinen Arbeitsgruppen unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu erörtern. Wenn die Bereitschaft dazu allerdings nicht vorhanden ist, dann wird es bei dem bisherigen unfreundlichen Miteinander auf der oberen Ebene bleiben. Und ich hoffe dann, dass sich Kirchengemeinden und Moscheevereine in ihrem guten Miteinander vor Ort nicht davon stören lassen.
Just: Zum Dialog gibt es keine Alternative. Man muss allerdings bedenken, dass die Muslime derzeit für die Darstellung ihrer Positionen etwa zum Verhältnis von Staat und Religion keine theologischen Fakultäten hinter sich haben, wie die Evangelische Kirche in Deutschland bei der 1985 veröffentlichten Demokratie-Denkschrift. Zudem stammen die Muslime, die in den vergangenen Jahrzehnten nach Deutschland gekommen sind, aus bildungsschwachen Schichten. Es gibt nur wenige gut ausgebildete muslimische Theologen, die im deutschen Kontext zu Hause sind. Erst allmählich verändert sich diese Situation. Deshalb darf die evangelische Kirche auch nicht mit unrealistischen Erwartungen in den Dialog gehen.
Moderation: Thomas Becker und Wolfgang Beiderwieden
Fotos: Markus Feger

„Mit der Handreichung stellen
Sie allzu schnell eine Ver-
bindung zwischen Islam und
Gewalt her“. Wolf-Dieter Just
chrismon plus rheinland: Umfragen zufolge schätzen die meisten Deutschen den Islam als intolerant und fanatisch ein. Verstehen Sie diese Ängste?

„Wir fragen: Ist es gerecht-
fertigt, aus religiösen Gründen
Gewalt zur Durchsetzung
seiner Meinung anzuwenden?“
Jürgen Schmude
ich nach meinen Erfahrungen mit muslimischen Mitbürgern gefragt, ergäbe sich ein besseres Bild des Islam.
Wolf-Dieter Just: Die Medien zeichnen ein schiefes Bild des Islam. Berichte über islamistischen Terror, über Ehrenmorde, Zwangsheiraten oder den Karikaturenstreit nehmen breiten Raum ein, aber über das Alltagsleben der Muslime in Deutschland wird kaum berichtet. Verfassungsschützer stufen weniger als ein Prozent der Muslime in Deutschland als islamistisch ein. Auch die Evangelische Kirche in Deutschland hat mit ihrer Handreichung „Klarheit und gute Nachbarschaft“ Anteil an dem schiefen Islam-Bild, weil sie dem gewaltbereiten Islamismus einen
viel zu breiten Raum widmet.
Schmude: Die Handreichung betont mehrfach die große Unterschiedlichkeit der Muslime in Deutschland. Darunter gibt es freilich auch solche, die aus religiösen Überzeugungen bedenkliche
Konsequenzen ableiten. Wir fragen: Ist es gerechtfertigt, aus religiösen Gründen Gewalt zur Durchsetzung seiner Meinung anzuwenden? Sind die Menschenrechte grundlegend und elementar für alle oder stehen sie stets unter dem Vorbehalt der Scharia, der islamischen Rechtsordnung? Gilt die Gleichberechtigung der Frau ohne Einschränkung? Oder wird sie als notwendiges Übel mit vielen Ausnahmen hingenommen? Wir erwarten von den muslimischen Verbänden in Deutschland eine fundierte und theologisch begründete Stellungnahme, was mit dem muslimischen Glauben vereinbar ist und was nicht.
Just: Dem stimme ich zu. Doch leider erweckt die Evangelische Kirche in Deutschland mit ihrer Handreichung den Eindruck, als hätte der Islam in Deutschland eine besondere Affinität zur Gewalt. So werden natürlich Ängste vor dem Islam eher geschürt als abgebaut. Besonders kritisch sehe ich die Tatsache, dass in einer Handreichung über „Christen und Muslime in Deutschland“ – so der Untertitel – vor allem Gräuel aufgeführt werden, die im Namen des Islam in fernen Ländern begangen werden: von „Auspeitschungen, Amputationen oder Steinigungen“ in Nigeria über die Enthauptungen von Apostaten bis hin zu Schauprozessen wegen Ehebruchs in Saudi-Arabien und Iran.
Schmude: Viele Muslime, die in Deutschland leben, sind geprägt von dem, was sie in ihren Herkunftsländern erlebt haben und immer noch erleben. Deshalb haben wir die Situation in diesen Ländern angesprochen. Nehmen wir das Verständnis der Religionsfreiheit in der Türkei. Es zeigt sich in einer harschen Politik gegenüber Christen und verschafft sich Ausdruck in einer
Gesinnung, die allein bei der Erwähnung des Wortes „Mission“ mit Hasstiraden reagiert. Ist es vor diesem Hintergrund so falsch zu vermuten, dass der türkische Staat über die von ihm gesteuerte Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, kurz Ditib, Muslime auch in Deutschland in ihrer Vorstellung von freier Religionsausübung beeinflusst? Also wüssten wir gern: Können die Muslime in Deutschland für sich selbst sprechen, oder beziehen sie ihr religiöses Gedankengut aus ihren Herkunftsländern?
Just: Die Abhängigkeit von Autoritäten in den Herkunftsländern ist bei vielen der muslimischen Dachverbände ein Problem. Allerdings ist zu bedenken, dass lediglich zehn bis 15 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime in diesen Verbänden organisiert sind. Die große Mehrheit hat mit den Verbänden nicht viel zu schaffen.
chrismon plus rheinland: Was folgt daraus für den christlich-muslimischen Dialog?
Just: Ich rate den angehenden Sozialarbeitern unter meinen Studierenden, sich etwa bei Gesprächen mit Ditib-Vereinen nicht an die Imame zu wenden, die ja nur für eine begrenzte Zeit aus der Türkei nach Deutschland kommen, sondern an die Vorsitzenden der Moscheevereine. Die kennen die Verhältnisse, sind viel besser integriert. Und sie sprechen auch nicht für den türkischen Staatsislam. Mit ihnen funktioniert in aller Regel der Dialog auf Gemeindeebene. Durch Begegnung und Dialog wird Angst vor dem Islam abgebaut.
Schmude: Der Gemeindeebene kommt in der Tat eine besondere Bedeutung für ein gutes Einvernehmen zu. Die Evangelische Kirche in Deutschland gibt in ihrer Handreichung deshalb viele praktische Ratschläge zum Gelingen guter Nachbarschaft. Trotzdem: Die muslimischen Verbände treten als Sprecher der religiösen Muslime in Deutschland auf und stellen Forderungen, etwa nach der Anerkennung als Körperschaft öffentlichen Rechts oder nach einem Religionsunterricht an öffentlichen Schulen. Deshalb werden sie sich weiterhin unsere Bitte um Klarstellung gefallen lassen müssen.
chrismon plus rheinland: Ist es nicht eher Aufgabe des Staates, hier konkrete Stellungnahmen ein zufordern?
Schmude: Der Staat hat seine allgemeinen Erwartungen, wie Menschen friedlich miteinander leben können, die Kirchen haben besondere. Wir möchten, dass die Religion im öffentlichen Leben weiterhin eine vertrauenswürdige Rolle spielt und nicht in den privaten Bereich abgedrängt wird, wie manche Kritiker es fordern. So wird die Stellung des Religionsunterrichts immer öfter infrage gestellt. Wenn er für Muslime als ordentliches Schulfach und in Übereinstimmung mit dem Grundgesetz erteilt würde, dann würde das auch die Position des christlichen Religionsunterrichts stärken. Wenn von den verfassungsrechtlichen Vorgaben abgewichen wird, kann das nur schaden.
Just: Klärende Fragen müssen gestellt werden. Allerdings ist eine Handreichung kein geeignetes Instrument für den Dialog – in unserem Fall ist sie ein 125 Seiten langer Monolog der Evangelischen Kirche in Deutschland. In einem echten Gespräch auf Augenhöhe kann Kritik viel eher gewürdigt werden.
Schmude: Ich habe an mehreren Dialogtreffen teilgenommen, die mit der Einsicht endeten, die angesprochenen Fragen fundiert klären zu müssen. Aber dann ist auf muslimischer Seite nichts passiert. Diese Erfahrung hat mich zu einer ablehnenden Antwort gebracht, als während unserer Arbeit an der Handreichung die Frage aufkam: Müssten wir diese Dinge nicht eigentlich mit Muslimen gemeinsam erörtern und erst dann veröffentlichen?
Just: Genau, das wäre doch gut gewesen.
Schmude: Das wäre völlig schlecht gewesen. Denn man kann kritische Fragen, die man jemandem stellen will, zuvor nicht mit diesem vereinbaren – sie würden sonst von der Tagesordnung verschwinden. Nein, dieses Mal sollte deutlich und öffentlich – und auch wenn es Ärger gibt – gesagt werden, worum es uns geht – und dann mögen diejenigen, die bisher ausgewichen sind oder die Zeit nicht gefunden haben, endlich einmal sagen, was
denn nun gelten soll in verschiedenen Punkten bis hin zur Gewaltfrage.
Just: Mit der Handreichung stellen Sie aber allzu schnell eine Verbindung zwischen Islam und Gewalt her. Ich kann diejenigen Muslime in Deutschland gut verstehen, die genervt sind, wenn sie bei jedem Terroranschlag oder Ehrenmord aufgefordert werden, sich zu distanzieren. Ich wäre auch genervt, wenn ich ständig von muslimischer Seite aufgefordert würde, mich
von der militanten Politik George Bushs und seiner Kreuzzugsrhethorik abzugrenzen. Oder wenn ich mich ständig distanzieren müsste von aggressiven evangelikalen Äußerungen. „Was habe ich damit zu tun?“, wäre meine Reaktion. Genauso reagieren viele Muslime, wenn sie auf Terroranschläge angesprochen werden. Da werden falsche Fronten aufgemacht. Die Trennungslinie verläuft hier nicht zwischen Christen und Muslimen, sondern zwischen Demokraten und Extremisten. Ich wünsche mir, dass wir die Kooperationspartner auf Seiten der Muslime erkennen, um so viel effektiver, nämlich gemeinsam, gegen Extremismus vorzugehen.
Schmude: Der Ansatz ist völlig richtig. Viele Muslime, die hier leben, wären die ersten Verlierer, wenn manches, was ihre eigenen Fundamentalisten wollen, auch nur ansatzweise Realität würde. Sie haben noch mehr zu verlieren als wir. Aber: Wenn es sie denn nervt, warum reagieren sie dann nicht in der Weise, dass sie mit den Ursachen des Genervtseins gründlich aufräumen? Wir von der Kirche werden in Presseartikeln und Leserbriefen immer wieder mit viel Polemik als Illusionisten betitelt, weil wir glauben, mit Muslimen über die Gleichberechtigung der Frauen reden zu können. Aber diese Polemiker machen sich bestimmte theologische Interpretationen und Praktiken auf muslimischer Seite zunutze. Es sind die Muslime selber, die damit aufräumen müssen.
chrismon plus rheinland: Wie geht es weiter mit dem Dialog?
Schmude: Viele Muslime, auch in den religiösen Verbänden, möchten vorankommen. So hat unter anderem der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland eingeräumt, dass Muslime in ihrer gemeindlichen Praxis die Gewaltfrage zu lange vernachlässigt haben. Er fordert eine deutlichere Abgrenzung von Gewalt in den Freitagspredigten. Und so gibt es eine ganze Reihe von Signalen. Nur, die Muslime müssen sich zusammenraufen und sagen, wo es lang geht. Ich neige eher dazu, Fragen zunächst in kleinen Arbeitsgruppen unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu erörtern. Wenn die Bereitschaft dazu allerdings nicht vorhanden ist, dann wird es bei dem bisherigen unfreundlichen Miteinander auf der oberen Ebene bleiben. Und ich hoffe dann, dass sich Kirchengemeinden und Moscheevereine in ihrem guten Miteinander vor Ort nicht davon stören lassen.
Just: Zum Dialog gibt es keine Alternative. Man muss allerdings bedenken, dass die Muslime derzeit für die Darstellung ihrer Positionen etwa zum Verhältnis von Staat und Religion keine theologischen Fakultäten hinter sich haben, wie die Evangelische Kirche in Deutschland bei der 1985 veröffentlichten Demokratie-Denkschrift. Zudem stammen die Muslime, die in den vergangenen Jahrzehnten nach Deutschland gekommen sind, aus bildungsschwachen Schichten. Es gibt nur wenige gut ausgebildete muslimische Theologen, die im deutschen Kontext zu Hause sind. Erst allmählich verändert sich diese Situation. Deshalb darf die evangelische Kirche auch nicht mit unrealistischen Erwartungen in den Dialog gehen.
Moderation: Thomas Becker und Wolfgang Beiderwieden
Fotos: Markus Feger

