Bergerkirche in Düsseldorf

Mein Kirchgang

Mittwoch, 17 Uhr, Bergerkirche Düsseldorf
Hoppla! Fast wäre ich in der Kirche eingeschlafen. Aber das ist nicht schlimm, sondern an diesem Nachmittag sogar gewollt. Pfarrer Thorsten Nolting hat zum „Schäfchen zählen“ in die Düsseldorfer Bergerkirche eingeladen. Die einmalige Aktion soll eine Auszeit vom Alltag bieten, in der Mittagspause oder nach der Arbeit. In vier Zweierreihen stehen Betten aus Kiefernholz auf der linken Seite des Kirchraums. Betttücher, Kissen und Zudecken sind frühlingsfrisch orange. Sehr liebevoll. Das hätte ich nicht erwartet. Es erscheint mir nicht seltsam, mich in einer Kirche in ein Bett zu legen, wohl aber, dies in aller Öffentlichkeit zu tun. Die Hälfte der Besucher

„Schäfchen zählen“ in der Düsseldorfer
Bergerkirche
hat die andere Seite gewählt. Dort kann man sich mit einer Decke auf einen Stuhl setzen oder auf Bänken knien. Thorsten Nolting spricht über den Schlaf in der Bibel: von Adams freudigem Erwachen, nachdem Gott ihm im Schlaf eine Frau geschaffen hat, über Jakobs unruhigen Schlaf, die Träume der Propheten, Jesus am Öl-berg bis zu Johannes‘ Vision auf der Insel Patmos. Neutral schildert er die Ereignisse. Ich hätte mir trotzdem eine Deutung gewünscht. Zwischen den Passagen zählt Nolting Schäfchen: „256 … 257 … 258 … 259 …“ Seine angenehm tiefe Stimme verliert sich im Raum, wird leiser und leiser. Behutsame Schritte klacken auf dem Mittelgang. Ich schrecke auf. Thorsten Nolting hat das Lesepult verlassen. In der Kirche ist es nun ganz still. Auch der Vogel draußen auf dem Baum, der durch die offene Tür in die Kirche hineingezwitschert hat, scheint eingeschlafen zu sein. Mit der Stille weiß ich nichts anzufangen. Doch die Situation ist mir gar nicht so fremd, überlege ich dann. Ich nutze auch abends im Bett die Zeit vor dem Einschlafen, um mich auf Gott zu besinnen. Warum nicht auch hier? Doch wie so oft zu Hause, klappt mein Vorhaben nicht so recht. Meine Gedanken verfliegen ins Unbestimmte. Immer wieder bin ich kurz davor einzudösen. Das fühlt sich gut an. Nach einer Dreiviertelstunde rascheln Bettdecken. Die Schlafgänger verlassen die Kirche. Ich auch. Die abschließende Meditation fällt aus. Schade, denn ich hätte mir mehr geistliche Begleitung zum Kirchenschlaf gewünscht. Trotzdem verlasse ich gestärkt die Kirche. In Gottes Gegenwart bin ich zur Ruhe gekommen.

Text: Simone Rüth
Foto: Ute Haverkamp