Wird er zurückkehren?
Während deutsche Soldaten in Afghanistan im Einsatz sind, fürchten die Angehörigen daheim um das Leben ihrer Liebsten. Die Angst, dass jederzeit etwas Schreckliches passieren kann, wird für Ehefrauen und Mütter zur ständigen Begleiterin. Sie versuchen, mit ihr fertigzuwerden. Indem sie Briefe schreiben, Tagebuch führen, beten.Noch vor Morgengrauen verlassen Ulrike Knecht und ihr Ehemann Andreas die Wohnung in der Nähe von Bonn. Das Reisegepäck – sein Reisegepäck – verstauen sie im Kofferraum. Sie fahren zum Militärflughafen in Köln-Wahn. Mit jedem Kilometer, den sie unterwegs sind, rückt der Abschied näher: Andreas Knecht fliegt an diesem 29. Februar 2008 als Soldat nach Afghanistan. Zwei Monate soll sein Einsatz dauern. Wird er gesund zurückkehren? Ulrike Knecht spürt, wie die Angst in ihr hochkommt. Das Paar erreicht den Flughafen um kurz nach sieben. Ulrike Knecht übergibt ihrem

„ich bin in meinen Gedanken bei ihm
und hoffe, dass alles geklappt hat.“
Ungeduldig wartet Ulrike Knecht am nächsten Morgen auf eine Nachricht aus Afghanistan. Ist ihr Mann angekommen? Geht es ihm gut? Sie ist allein in der Wohnung, in der sie so vieles an ihn erinnert: sein Parfüm im Badezimmer, seine Hemden im Schrank, sein leerer Platz am Frühstückstisch. Wieder greift sie zum Stift: „Wann meldet er sich endlich, wann höre ich was von ihm? Immer diese Ungewissheit, kein Lebenszeichen“, vertraut sie dem Tagebuch an. „Hoffentlich ist nichts passiert. Das macht mich noch ganz verrückt.“
Das Flugzeug mit Andreas Knecht an Bord ist inzwischen auf dem staubigen Militärflugplatz im fernen Kabul gelandet. Der 47-Jährige, den seine Frau so sehr vermisst, ist einer von rund 3500 Bundeswehrsoldaten, die als Teil der ISAF-Friedenstruppe in Afghanistan stationiert sind. Wer aus einer westlich geprägten Kultur kommt, ist beim radikalislamischen Teil der Bevölkerung nicht willkommen. Besonders dann, wenn er eine Uniform trägt. Seit 2001 starben 26 deutsche Soldaten durch Angriffe auf Patrouillen, durch Selbstmordattentate und Raketenbeschuss. Über die Zahl vereitelter Anschläge schweigt die Statistik der Bundeswehr. Die Gefahr lauert an jeder Straßenecke. Das belastet nicht nur die Soldaten. Auch für ihre Angehörigen in Deutschland wird die Angst zur ständigen Begleiterin. Ulrike Knecht kennt dieses Gefühl. Ihr Mann war schon einmal als Soldat in Afghanistan: Von Januar bis Mai 2007 – damals waren sie noch nicht verheiratet – arbeitete er im deutschen Feldlager in Feyzabad nahe der Grenze zu Tadschikistan. Von den umliegenden Bergen aus feuerten Aufständische Raketen ins Tal. Als Andreas Knecht seiner Freundin davon erzählte, forderte sie ihn am Telefon auf, sofort das Land zu verlassen. „Komm heim, ich kann nicht mehr schlafen“, sagte sie zu ihm. „Eine Woche noch, dann bin ich bei dir“, antwortete er. Sie hielt durch. Und er kehrte nach Hause zurück – lebendig, gesund.
Viele Briefe hatten sich die beiden geschrieben, als er fort war, lange Telefonate geführt. Eines Tages fragte Andreas sie am Telefon, ob sie seine Frau werden wolle. Ja! Sie wollte. „Auch die Planungen für die Hochzeit halfen mir durchzuhalten“, erinnert sich Ulrike Knecht. Die Angst wich ein wenig von ihr: Sie erledigte den Papierkram, bereitete den Festtag vor und buchte die Flitterwochen – eine Reise an die Nordsee, wo selbst der Wellengang friedlich ist und sie sich sicher fühlte.
Doch dann bekam ihr Mann einige Monate nach der Hochzeit einen Anruf. Ob er noch einmal in den Einsatz gehen wolle, fragte man ihn. Als Reservist war er nicht zu Auslandseinsätzen verpflichtet. „Aber er liebt die Herausforderung“, sagt Ulrike Knecht leise. Sie haderte mit sich, wollte einerseits stark sein – stark für ihn – und ihrem Mann nicht in den Rücken fallen. Andererseits waren da die Sorgen, die ihr zu schaffen machten. „Die Angst vor dem zweiten Einsatz war sogar noch viel stärker als beim ersten Mal, weil ich wusste, was mir bevorstand und wie gefährlich das Land ist“, sagt Ulrike Knecht. So schwer es ihr auch fiel: Am Ende akzeptierte sie den Entschluss ihres Mannes. Immerhin erreichte sie, dass er seine Einsatzzeit von geplanten vier auf zwei Monate verkürzte.
Auch Helga Dluhosch hätte es gern gehabt, dass ihr Sohn Daniel* nicht nach Afghanistan muss. Doch er ist Berufssoldat. Nur schwerwiegende persönliche Gründe hätten ihn von seinem ersten Einsatz abhalten können. „Mit seiner Berufswahl war klar, dass er irgendwann einmal in ein Krisengebiet ins Ausland gehen würde“, sagt die 50-Jährige. Aber ausgerechnet Afghanistan! Das war ein Schock für sie. „Ich bekam Kopfweh und Magenkrämpfe. Es war so, als hätte ich plötzlich einen Feind im eigenen Körper, der mich daran erinnert: Es kann ständig etwas passieren, der Tod ist furchtbar nah.“ Vor der Abreise im Januar 2008 setzte Daniel ein Testament auf – eine Belastung auch für die Mutter.
Drei Monate später sitzt Helga Dluhosch auf der Eckbank in der Wohnküche ihres Einfamilienhauses in Sinzig am Rhein. Am Kühlschrank haftet eine Postkarte aus Afghanistan, die ihr Sohn zu Ostern geschickt hat. Zerklüftete Berghänge, dahinter ein grünes Tal. Auf der Kommode stehen Fotos von ihrem Daniel. Auf einem lacht er als Kind, auf dem anderen posiert er als Soldat in Uniform. Ein weiteres Foto zeigt ihn an der Seite seiner Lebensgefährtin, mit der er in der Nähe von Rostock wohnt – mehr als 600 Kilometer entfernt von seinen Eltern.
Gesehen hat Helga Dluhosch ihren Sohn zuletzt an Weihnachten. „Ich will noch einmal mit euch feiern – es könnte das letzte Mal sein“, sagte er damals zu seiner Mutter. Dieser Satz hat sich wie eine düstere Wolke über die Feiertage gelegt. Tränen steigen Helga Dluhosch in die Augen, als sie davon erzählt. „Wir haben die Weihnachtstage so gut es geht durchgezogen – auch wenn es meine Kräfte total überfordert hat“, sagt sie rückblickend. Selbst beim Abschied bemüht sie sich, positiv zu denken. Weil er ihr Sohn ist und sie es ihm nicht so schwer machen will. „Wir haben uns an der Haustür verabschiedet und einfach so getan, als würden wir uns wiedertreffen. Tschüss und gut und weg.“
Um mehr über Afghanistan zu erfahren, stöbert Helga Dluhosch in Internetforen, liest Romane und Reiseberichte. Dort lernt sie, dass früher in den Siebzigerjahren einmal Frieden geherrscht hat in Afghanistan. Dass Frauen an Universitäten studieren konnten und manche sogar Miniröcke statt Ganzkörperschleier trugen. Sie erfährt auch, dass diese liberale Zeit mit dem Einmarsch sowjetischer Truppen 1979 endete und blutige Kapitel folgten: zuerst der Krieg im Land gegen die Besatzer, zehn Jahre später die verworrenen Machtkämpfe zwischen ehemaligen Rebellengruppen, sogenannten Mudschahedin, schließlich, von 1996 bis 2001, die grausame Herrschaft der Taliban, beendet durch einen internationalen Militäreinsatz.
Helga Dluhosch ist entsetzt über die Verbrechen der Taliban: öffentliche Steinigungen von Frauen, Folter und Mord von Regimegegnern. Um solche Verbrechen zu verhindern und Frieden zu stiften, schicken die Vereinten Nationen Soldaten nach Afghanistan? Ist ihr Sohn ein Entwicklungshelfer in Uniform? Ein Friedenskämpfer? „Wenn ich dazu beitragen kann, dass sich der Frieden im Land dauerhaft etabliert, hat mein Einsatz einen Sinn“, erklärt er ihr vor seiner Abreise. „Diesen Satz habe ich nie vergessen, er hat mir geholfen, weil ich verstanden habe, warum er geht“, sagt Helga Dluhosch heute.
Dennoch bleibt die Angst. Um sie in den Griff zu bekommen, helfen Rituale. Jeden Tag schneidet Helga Dluhosch einen Zentimeter eines Maßbandes ab – als Zeichen der Hoffnung bis zu seiner Wiederkehr. Jede Woche, da ist sie pedantisch, schreibt sie ihm einen Brief, in dem sie erzählt, was sie erlebt hat. Auf ihrem Balkon steht eine von Efeu umrankte Christrose – ein Symbol für langes Leben. Sie hegt und pflegt sie. „Die schenke ich ihm, wenn er wieder zurück ist.“
Von trüben Gedanken lenkt sie sich ab, so gut es geht. Tagsüber arbeitet sie als Sekretärin der Geschäftsleitung in einer psychiatrischen Klinik. Abends trifft sie Freunde, geht zusammen mit ihrem Ehemann in die Oper oder ins Theater. „Wenn man permanent Panik hätte, könnte man das gar nicht verkraften“, sagt sie. Im Alltag kommt Helga Dluhosch ganz gut ohne ihren Sohn zurecht – auch weil er schon seit Jahren aus dem Haus ist.
Ulrike Knecht hat es da schwerer. Seitdem ihr Mann fort ist, lastet die ganze
Gelbes Band der Solidarität:
ein Brauch aus den USA
Auch Helga Dluhosch hat Erinnerungsstücke, die sie mit ihrem Sohn

Ein handgefertigter Drachen aus
Afghanistan. Helga Dluhosch hat ihn
von ihrem Sohn aus Kabul geschickt
bekommen.
„Drachen steigen zu lassen ist eine traditionelle afghanische Sportart“, erzählt sie. Unter den Taliban sei diese Sportart verboten gewesen. Das wisse sie aus dem Bestsellerroman „Drachenläufer“, den sie so gerne gelesen hat. Der Flugdrachen, den ihr Sohn ihr geschenkt hat, stamme von demselben Handwerker aus Kabul, der die Drachen für die Romanverfilmung baute. „Ich habe mich wahnsinnig gefreut, als mein Sohn mir diesen Drachen geschickt hat.“
Trotz aller Erinnerungsstücke, Telefonate, Briefe und Rituale – beide Frauen wissen, dass es nicht in ihrer Hand liegt, ob Sohn und Ehemann wohlbehalten heimkehren. Wenn nur diese Ungewissheit nicht wäre! Halt suchen die Frauen auch im Gebet. Ulrike Knecht geht dafür in eine Kapelle in der Nähe ihrer Wohnung. Dort bittet sie Gott darum, dass ihr Mann bald wiederkehren und ihr der Alltag gelingen möge. In ihrem Tagebuch führt sie das Zwiegespräch fort: „Es geht ihm gut. Er ist angekommen, alles ist in Ordnung. Danke Gott, danke Gott“, schreibt sie, als sie am Tag nach der Abreise ihres Mannes endlich ein Lebenszeichen von ihm aus Afghanistan erhält.
Helga Dluhosch hat ihrem Sohn einen Schutzengel mitgeben. Eine fingergroße Figur, die Benediktinermönche aus Maria Laach in Bronze gießen ließen. Ein Geistlicher aus der psychiatrischen Klinik, in der sie arbeitet, hat Helga Dluhosch den Tipp gegeben. Ihr Sohn musste ihr versprechen, den Engel stets bei sich zu tragen – auch wenn sie sich nicht immer sicher ist, dass das auch etwas hilft. „Schutzengel werden ja unglaublich strapaziert“, findet sie.
Ende Mai 2008 hat das Warten für Helga Dluhosch ein Ende. Ihr Sohn kehrt wohlbehalten aus Afghanistan zurück. „Der Tag war ganz seltsam“, erinnert sie sich. Zwar lassen Mutter, Vater und Sohn die Korken knallen und trinken den Champagner, den sie vier Monate lang kühl gestellt hat. „Danach habe ich gewartet, dass es plumps macht in meinem Herzen und der Stein fällt“, erzählt sie. Aber der Stein fällt nicht. „Das konnte er ja nicht“, sagt sie heute. Denn sie weiß: Der nächste Einsatz kommt bestimmt.
Schon jetzt spürt sie die Angst vor der Angst: Wird ihr Sohn auch den nächsten Auslandseinsatz überstehen? Helga Dluhosch erhebt sich vom Küchentisch und geht in den Garten hinter dem Haus. Sie zupft an den zitronengelben Stoffbändchen, die sie vor vier Monaten an die Äste eines Baums gehängt hat – ein Brauch aus den USA, Zeichen der Hoffnung, dass ein Soldat in der Familie von seinem Einsatz heimkehren möge. Regen und Wind haben die Farbe der Bändchen verblassen lassen. Die Mutter muss sie demnächst wohl gegen neue austauschen.
Auch Andreas Knecht kehrt Ende Mai nach Hause zurück. „Endlich ist er wieder da“, sagt Ulrike Knecht erleichtert. Sie sitzt am Gartentisch, wirkt zufrieden. Afghanistan scheint für sie auf einmal weit weg zu sein. Ihr Mann ist dafür ganz nah. Er sitzt neben ihr, schenkt ihr und sich ein Glas Orangensaft ein. Doch er ist noch aufgewühlt vom Einsatz. Es sprudelt nur so aus ihm heraus, als er von den Anschlägen erzählt, von Kabul, der Sicherheitslage im Norden Afghanistans, von Feysabad, den Raketen.
Ob er noch ein drittes Mal nach Afghanistan gehen will? Andreas Knecht zögert einen Moment. „Da bin ich zwiegespalten“, sagt er. „Einerseits weiß ich um die Belastung für meine Familie, die Sorgen meiner Frau und der Kinder.“ Er schaut seine Frau an. Doch andererseits reizt ihn die Ferne – und Afghanistan ganz besonders. Mit dem Hubschrauber über den Hindukusch fliegen, in eine fremde Kultur eintauchen – das sei schon abenteuerlich.
Ulrike Knecht ist sich sicher: Sie will ihren Mann nicht noch einmal ziehen lassen. Mit ihm irgendwann einmal nach Afghanistan reisen, ja, das kann sie sich vorstellen. „Aber erst, wenn es sicher dort ist“, sagt sie. Wenn Frieden herrscht. Und die Drachen am Himmel wieder fliegen.
* Name geändert
Text: Thomas Becker, Fotos: Markus J. Feger

